Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 6 (1910)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1910)
- Article
- Die Statistik im Dienste der jüdischen Gemeinde
- Date
- 1910-06-01
- Page
- Seite 87 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 87 — Gebieten, in der Statistik der Finanzverwaltung und der Wohlfahrtspflege, die einzelnen Konfessionen gänzlich unberücksichtigt lassen, sind die Angaben der statistischen Ämter in der Unterrichtsstatistik, die in den Bereich der Unterriehtsverwaltung gehört, derart, daß man aus ihnen einen Überblick über den Bildungsstand der Juden einer Großstadt zu gewinnen vermag. Es wird regelmäßig die Zahl der jüdischen Schülerin den einzelnen Bildungsanstaltenpubliziert, sodaß man sowohl die Richtung verfolgen kann, welche der Bildungstrieb unter den Juden nimmt als auch die Stärke desselben im Gegensatz zu anderen Konfessionen. Immerhin bleibt auch hier noch der jüdischen Statistik viel zu tun übrig. Vor allem sind wir über die Verhältnisse der jüdischen Lehrer gar nicht unterrichtet. Wir wissen z. B. nicht, wie sich die Anzahl der jüdischen Lehrer zur Zahl der jüdischen Schüler verhält; dann aber fehlen uns die Angaben über die Bildungsmöglichkeit, d. h. darüber, ob die vorhandenen Schulen, speziell die jüdischen Schulen, dem Bildungsbedürfnis genügend entsprechen. Handelt es sich beispielsweise um die Errichtung einer neuen Schule, so muß man zu dem Zwecke wissen, wrie viel schulpflichtige jüdische Kinder in einem bestimmten Viertel wohnen und aus welchen sozialen Schichten sie sich zusammensetzen. Ganz besonders fehlt es an einer zuverlässigen Religionsschulstatistik. Ihre Pflege muß eine der Hauptaufgaben der jüdischen Statistik bilden, vor allem eine Feststellung sämtlicher jüdischen Kinder, welche Religionsunterricht genießen müssen; denn die Fälle sind nicht selten, daß jüdische Kinder in den christlichen Religionsunterricht geschickt wTerden, ohne daß der jüdische Religionslehrer etwas von ihrer Existenz weiß. Dieser Mißstand muß mit Hilfe der Statistik beseitigt werden. Bisher haben wir die Aufgaben der Statistik in denjenigen Verwaltungszweigen behandelt, welche die jüdische Gemeinde in gleicher Weise wie die Stadtgemeinde besitzt. Zum Schlüsse wollen wir uns noch kurz demjenigen Verwaltungszweige zuwenden, welchen die jüdische Gemeinde als Religionsverband besitzt, nämlich die Kultus Verwaltung. Hier ist die jüdische Statistik originell und hat eine Fülle von Aufgaben zu erledigen, aus der wir nur einige herausgreifen wollen. 1. Die Kultusbeamtenfrage. In den Bereich der Statistik würde die Schaffung von Unterlagen für die Regelung der Gehalts- und Pensions Verhältnisse fallen. 2. Die Synagogenverwaltung. Hierher gehört die Errichtung und Unterhaltung von Synagogen und die Veranstaltung von Festgottesdiensten. In Betracht käme die Lokal- und Bedürfnisfrage. 3. Die Unterstützung von Religionsvereinen. Diese richtet sich nach der Stärke der einzelnen Religionsvereine, nach der Frequenz ihrer Gotteshäuser und nach der Größe der religiösen Aufgaben, die sie erfüllen. 4. Die Ritualien, nämlich das Trauungswesen, die Quellbadverwaltung, Koscherfleischangelegenheiten etc. Schon diese knappe Aufzählung zeigt, wie mannigfaltig das Gebiet ist und von welchem Nutzen die Statistik sein kann, wenn sie sich in den Dienst der Verwaltung stellt. Als allgemeiner Nutzen der Statistik im Dienste der jüdischen Gemeinde wäre hervorzuheben, daß die jüdische Gemeinde auch deshalb über alle statistisch erfaßbaren Verhältnisse ihrer Mitglieder und Einrichtungen genau orientiert sein muß, damit sie jederzeit das erforderliche Material bereit hat, wenn Eingaben an Behörden zu richten sind oder Verhandlungen irgend welcher Art mit denselben zu führen sind. — Wir stehen mit unseren Ideen erfreulicherweise nicht allein. Während der Ausarbeitung dieses Referats erschien in Nr. 19 von Dr. Blochs „Österreichischer Wochenschrift" ein hochinteressanter Artikel vom Kultusvorsteher der Wiener jüdischen Genfeinde Dr. B erger über „Aktuelle Gemeindefragen." Als erste und wichtigste Gemeindefrage nennt er die Schaffung einer Gemeindestatistik. Die Tatsache, daß ein Vorstandsmitglied einer jüdischen Großgemeinde die