Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 6 (1910)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1910)
- Article
- Die Statistik im Dienste der jüdischen Gemeinde
- Date
- 1910-06-01
- Page
- Seite 86 (sequence 6)
- Language
- German
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— 86 uns daher hier kürzer fassen. Die Aufgaben der | Finanzstatistik sind doppelter Art. Einmal j fällt der Statistik eine produktive Tätigkeit zu. In dieser Hinsicht erscheint sie als Glied der Finanzverwaltung und beschäftigt sich mit der Lösung der Frage, ziffernmäßig festzustellen, welche finanzieren Mittel zur Erfüllung der Gemeindeauf gaben verwendet werden können. Um dies zu erreichen, hat sie folgende Aufgaben zu lösen: 1. in subjektiver Richtung, indem sie die steuerpflichtigen Subjekte möglichst vollständig eruiert.. Die Mittel hierzu sind bereits oben angegeben worden. Wir fassen sie hier nochmals kurz zusammen. Sie bestehen in der Ausnützung des Volkszählungsmaterials, der bei den städtischen Steuerbehörden vorhandenen Angaben und endlich in der genauen Feststellung der Zahl von Zu- und Abwandernden. Als weitere Aufgabe würde sich hier anschließen eine Untersuchung über die Zensiten selbst, über ihre wirtschaftliche mid soziale Stellung als Grundlage für die Errichtung des Wahlkatasters; 2. nach der objektiven Seite hin. Hierhergehört die Herstellung der Vorarbeiten für die Aufstellung des Etats, die Berechnung der einzelnen Einnahme- und Ausgab etitel und die Verteilung der aufzubringenden Steuersumme auf die Steuerzahler (Berechnung des Steuerfußes). Damit hat aber die Finanzstatistik erst einen Teil der ihr zufallenden Aufgaben erfüllt. Ihr obliegt nämlich noch eine descriptive Tätigkeit. Sie soll an der Hand des gewonnenen Materials einerseits selbstständige Aufschlüsse geben über die wichtigsten Probleme sozialer und wirtschaftlicher Art, soweit sie in der Finanzstatistik zum Ausdruck kommen, andererseits erfahren wir durch sie die speziellen Fragen der verschiedenen Verwaltungszweige insoweit, als sie finanz wirtschaftlichen Inhalts sind. Die nakten Zahlen sind keineswegs die Aufgaben der Finanz Statistik. Soll diese vollständig sein, so bedarf es der Beachtung aller Umstände, unter deren Einfluss diese Zahlen entstanden sind. Diese descriptive Aufgabe löst die Finanzstatistik in der Herstellung des sogenannten Verwaltungsberichts der Gemeinde, in welchem alle einschlägigen Punkte der Finanzverw^altung wissenschaftlich erörtert werden. Die gleiche Tätigkeit nach den eben geschilderten zwei Eichtungen hat die Statistik auf dem Gebiete der Wohlfahrtspflege zu entfalten. Hierher gehört, einerseits die Armenpflege und Armenfürsorge, andrerseits die praktische Ausübung der Wohltätigkeit in den Wohltätigkeitsanstalten. Da von amtswegen nur sehr selten und spärlich Angaben über die jüdischen Wohlfahrtsinstitute gemacht werden, würde hier die Statistik im Dienste der jüdischen Gemeinde eine wesentliche Lücke auszufüllen haben. Die Statistik muß vor allem die Grundlage schaffen, wenn die Errichtung von Wohltätigkeitsinstituten von der Gemeinde geplant wird. Diese Grundlagen werden in vielen Fällen auf dem Wege der Enqueten gewannen. Die Vornahme einer solchen und die Bearbeitung ihrer Ergebnisse ist mit den größten Schwierigkeiten verbunden, sodaß gerade hier eine gründliche statistische Sachkenntnis geradezu unentbehrlich ist. In Betracht käme beispielsweise eine Enquete über die Wohnungsverhältnisse der ärmeren Schichten der Bevölkerung oder die Unterlagen für die Schaffung von Säuglingsheimen , Blindenheimen, Altersversorgungsanstalten, Krankenhäusern, Fürsorgeanstalten für die Erziehung Minderjähriger etc. Ein großes Verdienst würde sich auch die jüdische Gemeinde erwerben, wenn es ihr gelingen wrürde, eine gesunde Regelung des sogenannten Wanderbettels durchzuführen. Auch hier ist die Statistik von größtem Nutzen. Es müssen ferner die Ergebnisse der Wohlfahrtsstatistik verarbeitet werden. Es liegt sowohl im Interesse der einzelnen Woblfahrtsinstitute als auch des Publikums, wenn alljährlich ein ausführlicher Bericht erstattet wird über das, was die Gemeinde auf sozialem Gebiete geleistet hat. Während die städtischen statistischen Ämter auf den beiden zuletzt behandelten