Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 6 (1910)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1910)
- Article
- Die Statistik im Dienste der jüdischen Gemeinde
- Date
- 1910-06-01
- Page
- Seite 84 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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84 — -— soweit man überhaupt mit Hilfe der Statistik in die Struktur und inneren Verhältnisse einer Bevölkerungsschicht eindringen kann, — j das ist die Münchener Gemeinde. Hier! sind einesteils die Ergebnisse der Volksj Zählungen, soweit sie für die Ausländer in j Betracht kommen, in befriedigender Weise j ausgebeutet worden, anderseits hat es der j Verein für die Statistik der Juden | in München unternommen, aus eigenen i Mitteln die Ergebnisse der letzten Berufs- \ Zählung mit Rücksicht auf die wirtschaftliche j und soziale Lage der Ausländer eingehend j zu untersuchen. Das amtliche Material ist * bereits tabellarisch verarbeitet und wird j demnächst publiziert werden. In noch viel j höherem Matte als ein privater Verein ist; eine Großgemeinde imstande, an die Lösung | der für die Juden der Gegenwart so wichtigen j „Ausländerfrage" heranzutreten. ' Gerade was die berufliche Gliederung der jüdischen Bevölkerung anlangt, ist eine Statistik im Dienste der jüdischen Gemeinden besonders nötig. Denn wenn auch bisher in Berufszählungen die Frage nach der Konfession in den Fragebogen aufgenommen wurde, so hat doch bereits die letzte Berufszählung von 1907 gezeigt, daß die Neigung besteht, diese Frage fallen zu lassen. Es werden überdies auch jetzt nur sehr spärliche tabellarische Ausweise von staatlichen und städtischen Ämtern über die Gestaltung der Berufsverhältnisse unter den einzelnen Konfessionen geboten, sodaß man keineswegs über die wirtschaftliche und soziale Lage der Juden in der Gemeinde so genau unterrichtet ist als es wünschenswert wäre. Hier haben wir es mit einem Moment zu tun, das für die Frage der Besteuerung von außerordentlicher Wichtigkeit ist. Diese richtet sich ja nach dem Beruf und der sozialen Stellung des Besteuerten. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Besteuerung zuverlässiger und vielleicht auch von größeren Einnahmen begleitet ist, wenn es gelingt, die berufliche Zusammensetzung der jüdischen Masse eingehender als bisher zu erfassen. Es wird bei jeder Volkszählung die Frage nach dem Berufe aufgenommen, eine Bearbeitung erfolgt jedoch nur selten. Auch hier liegt das Material brach, es fehlt an der Bearbeitung. Während wir bisher nur die Aufgaben betrachtet haben, welche der Statistik im Dienste der jüdischen Gemeinde innerhalb der Bevölkerungsstatistik als Ergänzung der amtlichen Statistik obliegen, wenden wir uns nun denjenigen zu, welche ihr primär zufallen. Auf dem Gebiete der Bevölkerungsbewegung gibt es zwei Lücken, deren Ausfüllung unentbehrlich ist. Zwar könnte auch hier die amtliche Statistik helfen, jedoch ist es gegenwärtig geradezu ausgeschlossen. Daher ist hier die Tätigkeit der jüdischen Statistik eine unabweisbare Notwendigkeit. Wir haben bereits öfters erwähnt, daß die Zu- und Abnahme der Bevölkerungsmasse auf Grund der amtlichen Registrierung der Geburten und Sterbefälle festgestellt wird. Das sind jedoch nur die natürlichen Ursachen der Bevölkerungsentwicklung. Es gibt auch eine künstliche, nämlich die Wanderungen. Durch die Zu- und Abwanderung wird der Menschenbestand einer Stadt bezw. einer Gemeinde stark beeinflußt, namentlich der Bestand der jüdischen Gemeinde, denn die jüdische Großgemeinde verdankt ihr Wachstum in erster Linie der Zuwanderung. Über die Wanderungsverhältnisse sind wir so gut wie gar nicht unterrichtet. Wir wissen nicht, wieviel Juden jährlich zuwandern, wie viele abwandern. Wir kennen nicht die Verhältnisse der Zuwandernden. Wohl wird für die Gesamtbevölkerung der Gewinn bezw. Verlust infolge der Wanderungen nachgewiesen, aber nicht für einen Teil derselben, z. B. für die Juden. Für sie läßt sich nur von Volkszählung zu Volkszählung rechnerisch die absolute Zahl der Zugewanderten feststellen. Eine fortlaufende Registrierung der jüdischen Zu- und Abwanderer ist jedoch wohl möglich. Es werden nämlich auf Grund der Anmelde- und Abmeldezettel bei der Polizeibehörde ständig die Wanderungsverhältnisse der Stadt erfaßt. Von hier aus läßt sich auch die Zahl der