Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 6 (1910)
- Issue
- Heft 4 (April 1910)
- Article
- Zur Mortalitätsstatistik der Wiener Ghettobewohner 1648 - 1669
- Date
- 1910-04-01
- Page
- Seite 52 (sequence 4)
- Language
- German
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— o2 Für die Zeit des Aufenthaltes im Ghetto sind wir in Bezug auf die Bevölkerung auf vage Kombinationen angewiesen1) und selbst diese lassen sich nur für die letzte Zeit des Bestandes des Ghettos verwerten. So gibt die mit dem Austreibungswerke betraute Kommission in ihrem Votum vom Jahre 16692) (..Ursachen warainben die Judenschafft von Wien abzuschaffen wäre") die Anzahl der im Ghetto ansässigen Juden mit 3000 an. Trotzdem der betreffende Passus des Votums tendenziös gehalten ist,3) scheint er mit Rücksicht auf Angaben, die wir bezüglich der Anzahl der Ausgewiesenen aus anderen Quellen besitzen, der Wahrheit einigermaßen nahe zu kommen.4) Nach den oben angegebenen Ziffern über die Häuseranzahl und die Wohnungsdichtigkeit würden demnach auf je ein Haus etwa 27, auf je eine Wohnung etwa 13 Seelen entfallen. Versucht man auf Grund der bekannten und supponierten Faktoren das Bild der Gesundheitsverhäitnisse im Ghetto zu enta) Der päpstliche Nuntius am k. Hofe, Carlo Caraffa j gib: in seinem Berichte aus dem Jahre 1G28 die Anzahl j der Juden in Wien mit 6000 an, doch halte ich diese j Zahl für starK übertrieben. Der betreffende Passus des j Nun iaturberkhtes lautet (Archiv für Kunde österreichischer | Geschichtsquelien B. 23, S. 226): „Str.vano dentro ie j mura di Vicnra da sei rnila Hebrei, ma per mafgior j commochtä della Corte e per aitri rispetti due anni furono j forzati andare ad habitare all1 «sola de! Oanub'O contigua j alla cittä, dove hanno fabricato uns. nuova citri, con beiie case. Tengono tuttavia dentro Vienna molti fondachi e botteghe, dove traltano negotii mercantili e di ripu^ tatinne e non portano aicun segno de! quäle si possano üiscernere, che siano Hebrei." 2) Wolf a. a O. S. 79 u ff. 3) Die Juden wurden in Wien „aller erst vor 60 Jahren nur zu Haltung zweyer riöiten wider eingelassen, aber in dieser kurzen Zeit sich durch aiierley Practic (I) dergestalt vermehrt haben, daß aniezo sich bey 3000 Seelen zu Wien befinden.4* 4) Der Bericht des schwedischen Ministerresidfnten in Wien vom 12. Sept. 1669 (bei Kaufmann, Die letzte Vertreibung der Juden aus Wien und Wiederösterreich S. Iii) spricht von „11 in 1200 Juden," die „die Stadt räumen rnuessen, der gestalt daz deren über 1000 alhier sich nit mehr befinden." Die in seinem Berichte vom 24. Juli 1670 enthaltene Bemerkung von „3 in 4000 Seelen, welche innerhalb eines halben jahrs emigrirt" schließt vielleicht auch die auf dem flachen Lande ^wohnhaft gewesenen Juden ein. Von dem ersten Aus* j weisungsbefehie (20. Juli 1669) wurden 134:6, von dem j zweiten (29. August) 293 Personen betroffen (Kaufmann I a. a. O. S. 113, 115). | werfen, so muß vor allem konstatiert werden, daß diese niclit besser und nicht schlechter waren, als die der Bürgerstadt. Die Straßensäuberung, die im 17. Jahrhundert täglich durch die „Kärier und Sauberer' des städtischen Unterkammer-Amtes vorgenommen werden sollte,1) wird wohl in pestfreien Zeiten nicht besonders strenge gehandhabt worden sein. Erst bei Auftreten von Seuchen wird in den Infektions Ordnungen die genaue Einhaltung" der Reinigungs- und Desinfektionsvorschriften vorgesehen. Jedenfalls ließ jedoch die Straßenreinigung zu allen Zeiten viel zu wünschen übrig. Besser wird es wohl auch in der Judenstadt nicht gewesen sein. Am 6. Sept. 1666 verpflichtet sich die Judengemeinde „zu Erhaltung der Sauberkeit und Verhüttung der laidigert Seuch" „auf ihre aigenen Unkosten zu Säuberung der Juden sta dt gewisse Wohnungen" erbauen zu lassen und „einen Kottfuehrer, so wöchentlich ihre Judenstadt zu gewissen Zeiten säubern solle, bezahlen zu wollen." Was die aus Gemeindemitteln errichteten und erhaltenen Sanitätsanstalten anbelangt, so wird es wohl zu den ersten Aufgaben der neuorganisierten Gemeinde gehört haben, Einrichtungen zur Aufnahme von einheimischen und zugereisten armen Kranken zu schaffen. Schon das im Jahre 1632 neu aufgerichtete Grundbuch der Judenstadt berichtet über den Ankauf eines Grundstückes, „dahin numehr obernante Judens cha fft ein Gemain Spittal erbauen lasse nr 2) Nach der Beschreibung der Judenstadt vom Jahr 1660 bestand das „Spitall-Heussl" aus „1 Stiberl, 1 Camerl, 1 Kuchel, daran ain khlaine Sin ago,Potte n," ferner aus einem großen Stockwerk daneben, „dorin die Kranichen s i n t, 1 Prun und großer öedter Platz, alles Holzwerch."3) 1) Senfelder a. a. O. S. 45. 2) S. 216 meines Buches. '6) S 246 meines Buches. Ein Kaufvertrag wegen eines Grundes zu einem neuen jüdischen Spital auf der sogen. Taborxchütt wurde am 22. August 1658 zwischen dem S:ift Kioste-neuburg und den Vorstehern der Wiener Judenschafr aufgerichtet. S. Kaufmann a. a. O.S,60, Anm.5.