Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 6 (1910)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1910)
- Article
- Zur Vorgeschichte der Juden in Ost- und Westpreussen
- Date
- 1910-02-01
- Page
- Seite 23 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 23 — der Einladungsschrift der Kneiphöfischen j Schullehrer wird Königsberg mit Eom verglichen und u. a. ein Schulgespräch in Aussicht gestellt, in dem „die drei Städte Altenstadt, Kneiphof und Löbenicht sich in einen edlen Wettstreit über die ihnen von der Natur, von der Zeit, oder von den Beherrschern erteileten Vorzüge einlassen" werden. Das Schulgespräch fand statt und ist der; Nachwelt erhalten geblieben. Als „Personen'*; treten auf für die Altstadt: Christoph | L u d w i g T e s t e r, der zweite Sohn des Gerichtsj Advokaten Jester; für den Kneiphof Georg Lorenz Morscheidt, Sohn des Kaufmanns und Kneiphöfischen Kirchenvorstehers Morscheidt; für den Löbenicht: Carl Erhard; Z i 1 c h e r, ältester Sohn des Kriegs-, Domänen-; rats und Accise-Direktors Z i 1 c h e r. Als Schiedsrichter fungierte Jakob Friedrich Meitzer, ältester Sohn „desKönigl.Preußischen j Substituti Fisci und der Obergerichte bej rühmtem Advocaten in unsrer Vaterstadt" j Meitzer.1) In diesem Schulgespräch kann der anonyme j Verfasser es sich nicht versagen, den Königsj berger Juden einen kleinen Seitenhieb zu; versetzen. Er würde es wahrscheinlich nicht i getan haben, wenn er nicht gewußt hätte,! daß diese Ungezogenheit auf lachende Ge-! sichter stoßen würde. i Doch hören wir ihn lieber selbst:2) j „K n e i p h o f. Nun so sage ichs euch: j Wir sind Herren, und unser Kneiphof ist erst j recht eine Stadt zu nennen. Man sehe nur; unsere Langgasse an, wo beinahe so viele i Palläste als Häuser sind. Löbenicht. Es ist wahr: Eure Langgasse pranget mit schönen Häusern. Aber schämet euch nur, daß ihr viele der schönsten Gebäude in dieser und andern Straßen den Juden, weil ihr von ihnen mehrere Miete bekommt, eingeräumet habt. Ihr beklagt euch : über ihren Handel und gebet ihnen doch dazu I die beste Gelegenheit an, oder wenigstens <!) Vgl. Liedert, Jubilierendes Königsberg, S. 133 ■ und 155. 2) A. a. 0. S 172, wehret ihr es ihnen nicht. Diese Leute haben erst auf den Freiheiten gewohnt, und da war es besser. Herrliche Häuser! Schöne Schalen, schlechter Kern! Altstadt. Wir haben auch Häuser . . . .Kneiphof. Worinnen Juden wohnen. Altstadt. Das wollte ich nicht sagen, sondern dieses: Wir haben auch Häuser in der Altstadt, die den Kneiphöf sehen nichts nachgeben. Löbenicht. Solche findet man auch im Löbenicht. Altstadt. Weilen Sie Herr Kneiphöf er mir die Wohnung der Juden gleichfalls vorwerfen, so müssen Sie wissen, daß deren sehr wenige seyn, und wrir haben damit nicht den Anfang gemacht." Soweit das Schulgespräch, aus dem wir wenigstens ersehen, daß man den Juden zunächst das Recht in den Stadtfreiheiten zu wohnen, erteilt hatte und daß um die Mitte des 18. Jahrhunderts ihrer mehrere, die wohl zu größerem Wohlstande sich emporgearbeitet hatten, im Kneiphof wohnten. Königsbergs größter Sohn, Immanuel Kant, wußte sich von jeder antisemitischen Neigung frei. Bekannt ist ja seine Vorliebe für Moses Mendelssohn. Weniger bekannt aber dürfte es sein, daß sein Rigaer Verleger Hartknoch sich den Namens Immanuel Kant bediente, um einen seiner Verlags-Artikel, der eine Lanze für die Juden brach, demPublikumzu empfehlen. Es handelt sich um die Schrift des bekannten französischen Ministern Necker: „Uber Judentum und Juden, hauptsächlich in Rücksicht ihres Einflusses auf bürgerliehen Wohlstand." Eine Übersetzung derselben war zunächst 1795 in Nürnberg bei Raspe erschienen. Sie enthielt als Motto auf dem Titelblatt das Mendelsohn'sche Wort: „wer zwischen seinen besondere Meinungen und den Gesetzen eine Collision findet, mag zusehen, wie er diese heben kann." Zwei Jahre später, 1797, erschien eine LTbersetzung auch bei Hartknoch in Riga. Auf dem Titelblatt fehlt das Mendelssohn'sche