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Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden · 1909-03-01 · Heft 3 (März 1909) · p. Seite 36

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Journal
Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
Volume
5 (1909)
Issue
Heft 3 (März 1909)
Article
Die ausländischen Juden in München
Date
1909-03-01
Page
Seite 36 (sequence 4)
Language
German
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— 36 — als die Geburtenziffer der Juden in Bayern, welche im Jahre 1904 18,1 °/oo betrug. Auf welche Ursachen ist dieser rapide Fall der Geburtenziffer zurückzuführen? Zwei Gründe scheinen dafür maßgebend zu sein. Der eine ist ein sozial psychologischer. Die industrielle und kommerzielle Entwicklung, die seit der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts zur Folge hatte, daß in der Verteilung der Menschenmassen eine Änderung eintrat, indem in den Großstädten Agglomerationszentren geschaffen wurden, bewirkte andererseits auch, daß in der Denkungsweise des Volkes eine Veränderung vor sich ging. Die steigende wirtschaftliche Konjunktur erzeugte eine immer mehr zunehmende Wohlhabenheit, auch die unteren Schichten der Bevölkerung erstiegen ein höheres soziales Niveau, und kulturelle Bedürfnisse und Anschauungen, die bisher nur den höheren Klassen eigen waren, wurden Gemeingut der Gesamtheit. Die steigende Kultur übte ihrerseits eine Wirkung aus auf den Fortpflanzungstrieb der Bevölkerung. Während nämlich bisher die natürliche Zunahme der Menschen in der Weise vor sich gegangen ist, daß die Reproduktion der Menschen stark gewesen ist, d. h. die Anzahl der Geburten und mithin die Geburtenziffer hoch hinaufging, von den Geborenen aber der größere Teil durch eine starke Säuglings- und Kindersterblichkeit hinweggerafft wurde, ging die überaus große Bevölkerungszunahme der meisten kultivierten Länder von 1880 bis in die Gegenwart dadurch vor sich, daß eine geringere Fortpflanzungstätigkeit stattfand, die Geborenen aber in ihrem Dasein besser geschützt wurden. Die Juden haben die industrielle und kommerzielle Entwicklung in noch stärkerem Maße mitgemacht als die Gesamtbevölkerung. Bei ihnen sind daher die Begleiterscheinungen auch noch viel ausgeprägter, so die Ansammlung in den Städten, so aber auch die sozialpsychologischen Wirkungen auf die natürliche Bevölkerungszunahme. Während in früherer Zeit die Fruchtbarkeit der Juden sprichwörtlich war, halten heute die Juden in den westuncl mitteleuropäischen Ländern mit der Entwicklung der Gesamtbevölkerung keinen Schritt mehr. Die allgemeine soziale und wirtschaftliche Lage der Juden ist günstig und infolgedessen die Zugänglichkeit für ökonomische Erwägungen groß. Dies allein wäre aber nicht ausreichend, die geradezu erstaunlich niedrige Geburtenziffer der Münchner Juden erklärlich zu machen. Als zweiter Grund kommt noch hinzu die Einwanderung der ausländischen Juden mit ihren Folgeerscheinungen. Will man nämlich tiefer auf die Gestaltung der Geburtenziffer eingehen, so darf man folgende drei Tatsachen nicht unberücksichtigt lassen: das Verhältnis der Geschlechter der in Betracht kommenden Bevölkerung, den Altersaufbau und endlich den Familienstand. Nach den ersten beiden Richtungen war, wie wir eben gesehen haben, die Einwanderung für die Münchner Juden von weittragender Bedeutung. Was zunächst das Verhältnis der Geschlechter anlangt, so ist von vornherein klar, daß uns da, wo ein normales Verhältnis, d. h. Gleichgewicht der Geschlechter herrscht, die Voraussetzungen für eine normale Geburtenziffer gegeben sind. Die Einwanderung hat aber zu einem erheblichen Übergewicht des männlichen Geschlechts geführt. Von bedeutendem Einfluß ist ferner der Altersaufbau. Wo ein normaler Altersaufbau vorhanden ist, rückt alljährlich eine zumeist sich gleichbleibende Schicht ins zeugungsfähige Alter hinauf und wenn nicht ausserordentliche Umstände eintreten, ist auch die Geburtenziffer eine normale. Wenn aber durch die Einwanderung bewirkt wird, daß eine überaus starke Ausbauchung in den produktivsten Altersklassen entsteht, daß auch die höheren Altersscliichten und, wenn die Einwanderung längere Zeit dauert, auch die jüngeren Altersklassen anschwellen, so wird, da die Masse der Geborenen in keinem entsprechenden Verhältnis steht zur Anzahl der neu hinzugekommenen Personen, die Geburtenziffer herabgedrückt, ohne daß ein innerer Grund für den Rückgang vorhanden ist. Hand in Hand mit der Änderung des Alters-

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