Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 3 (1907)
- Issue
- Heft 11 (November 1907)
- Article
- Zur Statistik der Juden im Grossherzogtum Hessen
- Date
- 1907-11-01
- Page
- Seite 170 (sequence 4)
- Language
- German
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— 170 Es ist kein Zweifel, daß die eigenartige Altersgliederung der Juden eine Folge ihres geringen Geburtenüberschusses ist. Das ist aus sich selbst verständlich. Es läßt sich aber auch per argumentum e contrario daraus beweisen, daß die jüdische Bevölkerung, so-; lange bei ihr noch nicht der rapide Geburteni rückgang eingetreten war, einen ganz anderen; Altersaufbau hatte. Die ältesten vorhandenen Daten über die Altersgliederung der Juden beziehen sich auf das Jahr 1828 und die Stadt Darmstadt. Damals waren von den 415 Juden : in Darmstadt: unter 14 Jahre alt: 80 männl. und 86 weibl. über 14 „ „ 120 „ „ 129 Die unter 14 Jahre alten Kinder machten sonach 40 °/o aller Juden aus, während heute der Anteil der Kinder unter 15 Jahren nur 25,8 % beträgt-. Noch im Jahre 1867 war der Prozentsatz der unter 14 Jahr alten Personen; bei den Juden größer als bei den Christen, indem im genannten Alter standen : m. w. zus. Christen 31,54 30,11 30,81 Juden 32,33 30,13 31,23 In diesen Zahlen liegt mehr, als auf den j ersten Blick scheint. In der Gegenüberstel- \ lung der Zahlen von 1828, die man wohl für! ganz Hessen als typisch ansehen kann, mit j den Zahlen von 1905 offenbart sich die verj ändeite Zusammensetzung der jüdischen Faj milie am Anfang des 19. und am Anfang des \ 20. Jahrhunderts. An Stelle des Kinderreichtums, der als Charakteristikum der Juden von; den Geschichtsschreibern des 18. und aer j ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erwähnt j wird, könnte heute mit Fug die Kinderarmut j der Juden als unterscheidendes Merkmal an-! gesehen werden. In weniger als 80 Jahren | ist die durchschnittliche Kinderzahl der jüdij sehen Familie fast um die Hälfte gesunken. j Es wäre übrigens falsch, in dieser Erj scheinung lediglich eine Singularität der Juden j zu erblicken; der Rückgang der Geburten- \ ziffer und der Kinderzahl kehrt vielmehr bei! fast allen Kulturvölkern wieder und hängt mit der erhöhteil Lebensfürsorge und Voraussicht der Einzelnen, der längeren Dauer der Vorbereitung und Ausbildung: für viele Berufe und der vermehrten Selbständigkeit der Frau zusammen — Faktoren, welche der frühen Eheschließung und großen Kinderzahl entgegenwirken. Nicht durch die Tatsache des Geburtenrückganges also, sondern durch die II a p i d i t ä t und I n t e n s i t ä t dieses Rückgangs unterscheiden sich die Juden von allen anderen Gemeinschaften. Es zeigt sich hier wiederum die in der Statistik der Juden so häufige Beobachtung, daß die Juden in vielen sozialen Erscheinungen gewissermaßen ihrer Zeit vorauseilen und soziale Veränderungen bereits ausgereift aufweisen, die bei den anderen Völkern erst im Keime vorhanden sind. Der Grund dieses Verhältnisses ist leicht zu finden. In fast allen europäischen Staaten haben Industrie und Handel im 19. Jahrhundert gegenüber der früher allein bedeutsamen Landwirtschaft an Wichtigkeit gewonnen, hat der Wohlstand, die hygienische Fürsorge und die Volksbildung zugenommen, haben die großen Städte einen immer erheblicheren Teil der Bevölkerung an sich gezogen. All diese Veränderungen auf wirtschaftlichem Gebiete haben die Juden, die schon von jeher eine vorwiegend städtische, dem Handel und der Industrie angehörige Bevölkerung waren und im 19. Jahrhundert durch besonders intensive Anteilnahme an dem modernen kapitalistischen Wirtschaftsleben zu verhältnismäßigem Wohlstände gelangten, den Christen vorweggenommen. Da aber auch die meisten anderen sozialen Erscheinungen, nicht nur die Geburtsrate, sondern auch die Sterblichkeit, die Kriminalität u. s. w. von jenen wirtschaftlichen Veränderungen beeinflußt werden, so kommt es, daß auch hier die Juden gewissermaßen das Barometer für die übrige Bevölkerung sind und Zustände schon jetzt zeigen, die bei jenen erst in der Zukunft zu erwarten sind. Hierin liegt beiläufig der Wert der Statistik der Juden für die Soziaiwis senschaft üb erhaupt.