Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 3 (1907)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1907)
- Article
- Die hebräische Sprache in der Gegenwart
- Date
- 1907-08-01
- Page
- Seite 131 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2650397-3187638-3187647-3189580--1252-3189635- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 131 — über die hebr. Literatur. Die neuen Volksfragen und die neue Bildungsart mußten die Grenzen der bisherigen Literatur gewaltsam sprengen. Man fühlte sich der alten herkömmlichen Formen des Schaffens und Denkens müde. Das Judentum, welches der starre Rabbinismus auf die Spitze getrieben hatte, wurde nunmehr — um mit „Achad- Haam" zu sprechen — „ein Name, der von seinem Inhalte entleert worden ist". Alles sehnte sich nach Erneuerung des innerlichen und äußerlichen Lebens. Die einen wollten dies erreichen durch Aufrüttelung der alten gelähmten Lebenskraft zu selbständigem Urteilen und Schaffen auf der Basis der alten jüdischen Ideale; die alten Gefäße sollten mit völlig neuem Inhalte gefüllt werden; die Andern suchten zum Ziele zu kommen durch einen gänzlichen Bruch mit allem Alten, durch Verwerfung alles Herkömmlichen, durch „Umwertimg aller Werte". Auch die Sprache dieser Literatur bedurfte einer Erneuerung. Die nach europäischer Art und Weise des Denkens erzogenen jungen Schriftsteller fühlten sich in ihrem Wirken gebunden. Die orientalische Art des Ausdrucks konnte sie nicht befriedigen. Sie wollten frei sein in der Handhabung ihrer Sprache und nicht achten auf die alten stilistischen Regeln und Formen. Es entstand in der hebräischen Literatur ein lebhaftes Ringen zwischen Alt und Jung, zwischen „Puristen" und „Erweiterern"' oder „Erneuerern" der Sprache: es kämpfte der neue Geist gegen den alten Geist und blieb Sieger in diesem Kampfe. Nach und nach bildete sich ein Stil aus, der das ganze Sprachematerial der frühern Stile in sich aufnimmt und es organisch zu verarbeiten sucht. Aber auch das genügte nicht; um die ganze neue Begriffs weit literarisch umfassen und ihr genauen Ausdruck geben zu können, fehlten noch immer Wörter und Formen. Diese konnten nur durch Neubildungen geschaffen werden. Zum Teil wurden solche durch altvergessene hebräische Stämme hergestellt; zum Teil auch durch Bildungen aus Stämmen der dem Hebräischen verwandten Sprachen; diese wurden meist im Greiste der hebräischen Sprache gebildet. Aber auch von den europäischen Sprachen wurde das neuere Hebräische auf verschiedene Weise beeinflußt. Zunächst kommen die allgemeinen Fremdwörter in Betracht, die zum Gemeingut aller europäischer Sprachen geworden sind. Eine große Anzahl derselben wurden auch ins Hebräische aufgenommen und oft auch zu neuen Formen verwandt. Dieser Einfluß machte sich bei den europäischdenkenden Schriftstellern auch unbewußt geltend, so in der Form des Ausdruckes und auch oft in der Anwendung der Partikeln und in der Bildung des Satzes. Solcher Einfluß tritt besonders in übersetzten Werken hervor, hauptsächlich in Uebersetzungen aus dem Russischen und Deutschen. Den größten Einfluß auf das neuere Hebräisch übte aber der jüdisch-deutsche Dialekt aus, der sogenannte Jargon. Dieser Dialekt hatte sich im Laufe der Zeit, besonders in den slavischen Ländern von dem Deutschen losgetrennt und zu einer beinahe selbständigen Sprache ausgebildet. Die vielen Wörter und Ausdrücke, dis er aus dem Hebräischen, hauptsächlich aus dem nachbiblischen aufgenommen hat, machten eine mannigfaltige Entwicklung durch. Sie wurden in etwas verändertem Sinne gebraucht, bekamen sogar eine vom eigentlichen Hebräischen ganz verschiedene Bedeutung, von der aus wieder ganz neue willkürliche Ableitungen gebildet wurden. Dieser Dialekt fing allmählich an, einen Rückeinfiuß auf die hebräische Sprache auszuüben. Höchst fühlbar macht sich derselbe in der chassidischen Literatur, besonders in ihren Legenden, die von der Naivetät des anspruchslosen, einfältigen Volksmannes durchtränkt sind. Aber auch in die neuere hebräische Literatur, deren Gebiet hauptsächlich die mittleren imd niederen Klassen des Volkes wurden, drängt sich dieser Einfluß hinein. Derselbe ist ein zweifacher: Erstens brachte er einen Zuschuß von ganz neuen