Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 3 (1907)
- Issue
- Heft 4 (April 1907)
- Article
- Die Kriminalität der Juden und der Alkohol
- Date
- 1907-04-01
- Page
- Seite 54 (sequence 6)
- Language
- German
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— 54 — der Juden in Handel und Industrie.1) Es sind eben die zuletzt genannten Vermögensdelikte Berufsdelikte, gewissermaßen moralische Be- I mfskrankheiten. Zu erwägen ist übrigens noch, j worauf Blau mit Recht aufmerksam macht j (diese Zeitschrift Jahrg. II, S. 109), daß die Juden j bei dem herrschenden Antisemitismus und j Konkurrenzneid im Verhältnis häufiger anj gezeigt und häufiger verurteilt werden als die I Nichtjuden, was übrigens auch für Delikte j anderer Art gilt. j Es ist nun noch ein Punkt zu erwähnen, j durch den die Kriminalität der Juden sich j von der der Nichtjuden vorteilhaft unterscheidet. j Es ist dies die geringere Ilückfälligkeit der j Juden, wie sie z.B. aus der niederländischen Sta-! tistik für 1898—1902 hervorgeht, in welchen | Jahren auf 100 000 Einwohner der betr. Bej ligionsgemeinschaft bei den Christen 116,9 j Rückfällige oder 39,8 % aller christlichen Verj urteilten, bei den Juden aber nur 53,9 Rückj fällige oder 29,4 % alier jüdischen Verurteilten | kamen. Nun ist, wie die Statistik ergibt, unter j , den Rückfälligen die Zahl der Trinker be- ' sonders groß. So waren nach der nieder-; ländischen Statistik im Jahre 1901 unter allen Verbrechern 13 % Trinker, unter den Rückfälligen aber 22 0 0, nach der belgischen Statistik für 1808 unter den erstmalig bestraften Männern 8,7 %, unter den rückfälligen aber 31,2 %• Baer ermittelte in deutschen Zuchthäusern für. Männer unter erstmalig Bej straften 20,4%, unter den über viermal Bej straften aber 30 % Gewohnheitstrinker (in j Gefängnissen waren die entsprechenden Zahlen j 20,9 0 0 und 45,4 %,) und Geill in Kopenhagen j unter den erstmalig bestraften Verbrechern j 22,8 %, unter den rückfälligen aber 48,1 % Trinker. Ebenso sind unter den Gewohnheits- 1) Während von der berufstätigen Gesammtbevölkerung nur der 10. Teil an Handel beteiligt ist, sind von den Juden mehr als die Hälfte im Handel beschäftigt. Dazu kommt noch, daß in den Hauptberufen die Juden vorzugsweise als Selbständige oder als Angestellte tätig sind (zusammen 69%), während in der Gesammtbevölkerung die Arbeiter weit überwiegen (68%), und die genannten Delikte vorzugsweise von Selbständigen und Angestellten verübt werden. trinkern in den Strafanstalten weit mehr Rückfällige als unter den Nichttrinkern; die Trinker unter den Kriminellen werden eben bedeutend häutiger rückfällig als die Niehttiinker. So erklärt sich denn ohne Frage die geringere Ilückfälligkeit der Juden resp. das seltenere Vorkommen des Gewohnheitsverbrechertums unter ihnen zum großen Teil aus ihrer Nüchternheit. Dazu kommt, daß, wie bereits oben bemerkt worden ist, die Gewohnheitsverbrecher sich vorzugsweise aus Trinkerfamilien rekrutieren. Der Alkohol ist durch seine degenerierende Wirkung auf die Nachkommenschaft ganz hervorragend bei der Erzeugung von „geborenen Verbrechern14 d. h. von Individuen beteiligt, die von Geburt an zu einem verbrecherischen Leben veranlagt sind. Solche Individuen sind eben bei den Juden sehr selten. So ist denn die Nüchternheit der Juden resp. die geringe Verbreitung des Alkoholismus unter ihnen sicher eine der wesentlichsten Ursachen für ihre verhältnismäßig geringe Teilnahme an der Kriminalität. Wie erklärt sich aber die Zunahme der Kriminalität bei den Juden, speziell der Personendelikte (einlache und gefährliche Körperverletzungen), wie sie in der deutschen Kriminal Statistik im Jahrzehnt 1892/1901 gegenüber dem Jahrzehnt 1882/1891 hervortritt? Nun hat zwar ganz allgemein eine solche Zunahme stattgefunden, und diese ist bei den Christen noch größer als bei den Juden. Aber wie es kein eFrage ist, daß an dieser Zunahme der steigende und sich ausbreitende Alkohoiismus, zumal bei den Körperverletzungen, erheblich beteiligt ist, so wird man wohl auch nicht fehl gehen, wenn man bei den Juden darin einen Ausdruck der zunehmenden Assimilation an die allgemeinen Trinksitten erblickt. Denn es kann ja für einen aufmerksamen Beobachter keinem Zweifel unterliegen, daß die alte sprichwörtliche Mäßigkeit bei den westlichen Juden allmählich im Schwinden begriffen ist. Die Juden haben sich entsprechend der allgemeinen Assimilation immer mehr an den täglichen regel-