Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 2 (1906)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1906)
- Article
- Juden und Armenier
- Date
- 1906-12-01
- Page
- Seite 180 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— i80 — gegenüberstellen, gescheut. Sogar diejenigen j Armenier, die — auch hierin den nach Engj land und Amerika auswandernden Osteuropaj isehen Juden gleichend — ihre Muttersprache aufgeben und dafür die Sprache ihrer neuen Heimat annehmen, bleiben doch zu einem großen Teile ihrer Kirche treu. Das ergibt sich, wenigstens für die unter russischer Herrschaft stehenden Armenier, daraus, daß im Jahre 1897 die armenischen Grego rianer (1 179241) und die armenisch Unierten (38 840) die Zahl der Armenisch als Muttersprache Sprechenden (1 17309G) um etwa 41000 übertrafen. Diese 41000Personen gehören also noch der armenischen gregorianischen oder unierten Kirche an, obwohl sie die armenische Sprache und damit das äußere Zeichen der Zugehörigkeit zur armenischen Nation bereits aufgegeben haben, ganz wie bei den Juden in Rußland, wo auch die Zahl der Bekenner der jüdischen Religion größer ist als die Zahl der Personen, die Jüdisch als Muttersprache sprechen. Eine besondere Ähnlichkeit zwischen dem jüdischen und armenischen Kultus zeigt sich darin, daß die im Kultus gebrauchte Sprache eine andere ist, als die Umgangssprache; wie Hebräisch und Jüdisch bei den osteuropäischen Juden, so stehen sich bei den Armeniern Altarmenisch und Neu armenisch gegenüber. Nach alledem rinden wir in folgenden Punkten Übereinstimmung zwischen Armeniern und Juden, wobei wir hauptsächlich die in Rußland und Österreich lebenden Jüdisch sprechenden Juden im Auge haben: 1. Sie besitzen keine politische Selbständigkeit; 2. sie bilden — mit Ausnahme ganz geringer Gebietsteile — überall eine Min-! derheit unter anderen Nationalitäten; j 3. sie haben eine gemeinsame Sprache, 4. einen gemeinsamen Rassentypus und 5. eine gemeinsame Religion inmitten von Völkern mit anderer Sprache, Rasse j und Religion. j Inbezug auf den letzten Punkt ist die Ähnj lichkeit insofern etwas einzuschränken, als, wie! erwähnt, ein geringer Teil der Armenier nicht zur gregorianischen, sondern zur unierten Kirche gehört (was übrigens keinen größeren Gegensatz bedeutet, als zwischen der orthodoxen Hauptmasse der Juden und den sogen, aufgeklärten Juden in Osteuropa). Die wenigen Protestanten kommen kaum in Betracht. Sodann aber ist als wesentlich hervorzuheben, daß die armenischen Gregorianer nicht nur eine Konfession, sondern eine fest organisierte Kirche bilden, während den Juden in Osteuropa jede kirchliche Zusammenfassung fehlt. Wie diese allgemeinen ähnlichen äußeren Verhältnisse auch im einzelnen zu ähnlichen sozialen Vorgängen führen, darüber lassen sich Beweise erbringen aus der anschaulichen Schilderung der Armenier, die Paul Rohrbach in seinem Buche „In Turan und Armenien41 (Berlin 1898) gibt. Als Rohrbach den Patriarchen in Etschmiadsin besuchte, war dessen beweglichste Klage die, daß so viele Armenier, durch die Verfolgungen und die wirschaftliche Not in Armenien gezwungen, nach anderen Ländern auswanderten, wo sie ihr Volkstum verlören. Hier liegt die Analogie mit den aus Rußland und Galizien nach Westeuropa und Amerika auswandernden Juden auf der Hand, nur daß die Armenier, entsprechend ihrem schärfer ausgeprägten National- und Gemeinschaftsgefühl, sich dieses Verlustes stärker bewußt sind. In dem Programm der nationalgesinnten Armenier spielen Maßregeln zur Verhinderung der Auswanderung eine Hauptrolle; daneben werden als Mittel zur Erhaltung der armenischen Nation eine Reformation des Klerus und der Bistums Verwaltungen und Hebung der christlichen und nationalen Volkserziehung in Vorschlag gebracht. Wie die Juden in Palästina in der Hauptsache Ackerbauer waren, in der Fremde aber Händler wurden, so auch bei den Armeniern. „Der Armenier in der Fremdeu sagt Rohrbach a. a. O. S. 214, „ist Arbeiter, Handwerker, Industrieller, Händler, Großkaufmann, Bankier, Häuserspekulant, Großgrundbesitzer, aber nie das, was er in der Heimat ist, ein Bauer." Und es ist besonders interessant, daß sie als