Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 2 (1906)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1906)
- Article
- Die Entwicklung des jüdischen Handwerks in Russland
- Date
- 1906-10-01
- Page
- Seite 150 (sequence 3)
- Language
- German
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— 150 — seiner Erzeugnisse tief in die untersten gesellschaftlichen Klassen hineingedrungen ist, die tiefsten Schichten der breiten Yolksmassen erreicht hat und an jener Grenze stehen geblieben ist, wo die reißende Gewalt der elementaren Bedürfnisse durch die ewige finstere Not im Zaume gehalten wird, wo die mächtig nach Befriedigung heischenden Triebe ewig in der niedrigen Produktionsföhigkeit der russischen Bauern Widerstand trifft, wo die Enthaltsamkeit durch die Gesetze des ablebenden Regimes gebieterisch diktiert worden war. Eine bedeutende Zahl der jüdischen Handwerker beschäftigt sich nämlich mit der Verfertigung von Erzeugnissen für den ärmsten Bevölkerungsteil , für die russischen Baue rnmassen. So hat die Emanzipation des Handwerks vom Kunden, die auf der einen Seite die Entwicklung der Heimarbeit hervorgebracht hat, auf der anderen Seite dazu geführt, daß die größte Zahl der Handwerker zur Verfertigung von Erzeugnissen für den Massenabsatz übergegangen ist. Denn der Handwerker kann nur so lange die Produkte für individuelle Bedürfnisse erzeugen, solange er für einen bestimmten Konsumenten, für seinen Kunden arbeitet, dessen Geschmack und Forderungen ihm vorher bekannt sind. Dies wird ihm aber unmöglich, sobald er seine Produkte ohne jegliche vorherige Bestellung zum Absatz für einen unbekannten Markt verfertigen muß. Seine beschränkten Mittel erlauben ihm nicht, seine Produktion so mannigfaltig zu gestalten, daß sie der ganzen Latitude der Schwankungen des individuellen Geschmackes angepasst werden könnte. Dieses wäre nur dem Vorsteher des Handels- und Betriebskapitals, dem Magazin Unternehmer möglich, der den Absatz von Erzeugnissen im großen Umfange organisieren kann. Dieser kann in bestimmten Normen jede Abweichung des individuellen und entwickelten Geschmackes fassen, er kann einen festen und bestimmten Charakter auch den zufälligsten Schwankungen verleihen. Kraft dieses Vorzuges kann der Magazinunteriiehmer sich immer mehr und mehr den individuellen Konsumenten als Kunden gewinnen, indem er ihm die breiteste Auswahl von Erzeugnissen bieten kann, während dem Handwerker nichts übrig bleibt, als entweder zur Heimarbeit für den Magazinunternehmer überzugehen und seine Selbständigkeit zu verlieren oder einen solchen Konsumenten zu finden, der noch keine individuellen Forderungen stellt. So gingen die jüdischen Handwerker immer mehr und mehr zur Verfertigung von anspruchslosen Erzeugnissen über und wandten sich immer mehr dem Massenkonsumenten zu. Diesen Massenkonsumenten fanden sie in den breiten Bauernschichten. Die Gleichartigkeit des bäuerlichen Konsums gibt dem Handwerker die Gewißheit, daß seine Produkte in der Bauernmasse sicheren Absatz finden werden, und die Notwendigkeit für einen unbestimmten Konsumenten zu arbieten wird dem Handwerker dadurch kompensiert, daß er imstande ist die schlichten Forderungen dieses Abu elitners vorauszusehen, welche nur so unbedeutende Abweichungen zulassen, daß auch die beschränkten Mittel des Handwerkers sie erfassen können. Kleine Handwerker (Ktistuii) verfertigen für die Bauern sowohl Kleidung, Schuhwaren, Pelzschuhe, Mützen als auch einige primitive Ackerbaugeräte, die auf den nächsten Jahrmärkten den Bauern verkauft werden. Ohne Zweifel wird der Magazinunternehmer mit der Zeit auch den bäuerlichen Konsumenten gewinnen, aber das Resultat dieser komplizierten Entwicklung ist und bleibt die Gewinnung der Millionen zählenden Bauern als Abnehmer für ein Gewerbe, das organisch aus dem jüdischen Handwerk entstanden ist. Es sind zwei Momente hervorzuheben, die dieses Gewerbe vorteilhaft von anderen Gewerben auszeichnen. Dasselbe umfaßt einerseits das Gebiet der qualifizierten Arbeit: andererseits das Gebiet des Massenabsatzes. Von jener großen Rolle, die die qualifizierten Arbeiter in der allgemeinen Arbeiterbewegung spielen, wollen wir ein anderes Mal sprechen; hier wollen wir nur die wirtschaftliche Bedeutung dieses Faktors erwähnen, die eben