Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 2 (1906)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1906)
- Article
- Die Entwicklung des jüdischen Handwerks in Russland
- Date
- 1906-10-01
- Page
- Seite 151 (sequence 4)
- Language
- German
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— 151 — darin besteht, daß die qualifizierten Arbeiter am wenigsten von der Konkurrenz der arbeitslosen Reservearmee und des ländlichen Proletariats zu leiden haben. Das sehen wir ja an der einfachen Tatsache, daß die Bauernmasse die Erzeugnisse des städtischen jüdischen Handwerkers kauft. Auf der anderen Seite leidet dieses Gewerbe als eins für den Massenabsatz bestimmtes am wenigsten von den schroffen Schwankungen des Marktes und, was am Aller wichtigsten ist — es muß sich unvermeidlich weiter entwickeln in dem Maße, in dem das Niveau des bäuerlichen Wohlstandes steigt. Kein einziger Industriezweig hat so sehr, wie gerade dieses jüdische Gewerbe unter der Finanzpolitik des ablebenden Regimes, unter der Politik von Wischnegradsky und Witte, die die Bauernmasse bis zur Erschöpfung gebracht hat, gelitten, und kein einziges Gewerbe in Rußland wird so sehr durch den Sieg der neuen Prinzipien aufblühen. Während die künstlich hervorgerufene südliche Bergindustrie ihre Produktion bedeutend beschränken, wenn überhaupt nicht gänzlich zu Grunde gehen wird, sobald die protektionistische Politik und die staatlichen Bestellungen und Subsidien aufhören werden, wird dieses Gewerbe sich erst dann zu entwickeln und seine ganze potenzielle Kraft zu entfalten beginnen. Rußland ist und wird noch für lange Zeit ein ackerbautreibendes Land bleiben, und die Entwicklung der Industrie wird noch lange Zeit von den Bedürfnissen der ländlichen Bevölkerung bestimmt werden. Was aber besonders hervorgehoben werden muß: Rußland ist das einzige Land, das bis jetzt keine Blüte des Handwerks gekannt hat. Während die Entwicklung des Kapitalismus in allen übrigen Ländern eine überflüssige Handwerksbevölkerung vorgefunden hat, entspricht die Zahl der Handwerker in Rußland auch heute noch weit nicht den vorhandenen Bedürfnissen und deshalb muß die wirtschaftliche Entwicklung Rußlands unvermeidlich die Blüte des Handwerksgewerbes i hervorrufen. Die Sache ändert sich nicht da-; durch, daß infolge des allgemeinen kapita-! listischen Charakters unserer Zeit (das Vor-! band ensein der Fabrikindustrie, Entwicklung; des Verkehrs und Handelsverkehrs, Bewegungs-; freiheit, Abwesenheit der Zollgebiete u. dgl.); auch das Handwerk großkapitalistische Orga- | nisationsformen annimmt. Und im Vorderj grund der Arbeitsarmee, die diesen konrpiii zierten Industriezweig in Bewegung bringt, j stehen die jüdischen Handwerker. Deren Zahl | übertrifft absolut um anderthalb Mal die Zahl; der nichtjüdischen Handwerker im „Ansiedj hmgsrayon", und das Verhältnis der jüdischen! Handwerker zur jüdischen Bevölkerung des I ..Ansiedlungsrayons" ist 15 Mal so groß wie I das Verhältnis der nichtjüdischen Handwerker | zu der nichtjüdischen Bevölkerung des Rayons, j Das Aufblühen dieses Gewerbes muß hiermit; unvermeidlich die Nachfrage nach den; jüdischen Arbeitern heben. Freilich steht es außer Zweifel, daß dieses | Gewerbe auch seine ungünstigen Seiten hat.; Eine von diesen ungünstigen Seiten fällt am | grellsten auf; dies ist die Zerstückelung des I Betriebes, die Tatsache, daß der Magazinj Unternehmer, der Leiter dieses Gewerbes, gar zu oft geneigt ist, sich hinter dem Rücken seiner Arbeiter zu verstecken, daß er sie | zwingt, selber die Ausgaben des Betriebes zu i tragen, während er sich den ganzen Surplus-; profit aneignet, daß er auf sie alle Nachteile; der Arbeitslosigkeit der toten Saison abwälzt, j während er sich die günstigste Möglichkeit j vorbehält, eine leicht bewegliche Arbeitsarmee j bei jeder Belebung des Gewerbes zu mobilij sieren. Doch lassen sich diese Nachteile im! bedeutenden Maße durch entsprechende Ar- | beitsorganisationen bekämpfen. Darüber ein j anderes Mal.