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Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden · 1906-10-01 · Heft 10 (Oktober 1906) · p. Seite 149

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Journal
Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
Volume
2 (1906)
Issue
Heft 10 (Oktober 1906)
Article
Die Entwicklung des jüdischen Handwerks in Russland
Date
1906-10-01
Page
Seite 149 (sequence 2)
Language
German
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— 149 — gehört den Markt zu beherrschen; die engen Beziehungen, die früher zwischen den Handwerkern und Konsumenten bestanden, sind aufgelöst: der feste Boden eines steten Kundenkontingents ist ins Sei wanken geraten, und zwischen dem Handwerker und Konsumenten ist eine Gestalt aus einer anderen Welt, der Vorsteher des handeltreibenden Kapitals getreten und hat durchgreifende Umwälzungen hervorgebracht. Er bemächtigte sich des ganzen Absatzmechanismus für die Handwerkserzeugnisse, verdrängte den Handwerker vom Markte und fing an die ganze Produktion nach seinem Ermessen zu lenken. Teils zentralisierte er die Produktion, indem er derselben das Gepräge des Großbetriebes verlieh: teils fand er es vorteihafter für sich, die Produktion zerstreut unter der Masse der Kleinhandwerker zu lassen und sich dafür den Zentralabsatz ihrer Erzeugnisse vorzubehalten. Letzteres hat wie bekannt zum Entstehen der Heimarbeit geführt. Doch wie die Produktion durch das Hinzutreten des Handels- und Betriebskapitals auch organisiert werden mochte, überall bestand seine Bedeutung darin, daß es den Charakter des Handwerkbetriebes umgestaltete, den Absatz der Handwerkserzeugnisse weit über die Grenzen des Lokalmarktes hinaus verbreitete und das Absatzgebiet von ganz Rußland erschloß. Es finden nicht nur die Produkte des eigentlichen Fabrikbetriebes wie Leder, Borsten, Pflüge, Ackerbaugeräte weiten Absatz im ganzen Rußland, sondern auch die Erzeugnisse der Schneider, Schuster, Tischler, Drechsler, Strumpfwirker, die in den engen Werkstätten des kleinen Handwerkers verfertigt werden, werden weit über das Gebiet des „Ansiedlungsrayons" in die Krim, den Kaukasus, ins Gebiet des Donauheeres, nach Sibirien und sogar nach dem Auslande ausgeführt. Das jüdische Handwerk ist hiermit aus den engen Grenzen, der Kundenproduktion hinausgewachsen. Der schwerfällige plumpe Mechanismus des Kleinbetriebes, an einen bestimmten Platz gebunden und durch den subjektiven Willen eines jeden einzelnen Kunden in seinem Gange gehemmt, wurde jetzt beweg- I lieh, fließend: der Produktionsprozeß hat sich : objektiviert, wurde unabhängig vom Willen und von den Launen der Einzelpersonen und es hat sich auf diesem Boden eine Großproi duktion entwickelt, die sich weit über das : ganze Land ausgedehnt hat. Diese Umgestaltung hätte dennoch keine j so umfassende Bedeutung gehabt, wenn nicht! zugleich ein anderer tiefer Umschwung im! jüdischen Handwerk sich vollzogen hätte. | Dieser Lauschwang bezieht sich auf die soziale I Struktur der Konsumenten der Handwerks- I erzeugnisse. Während des letzten Jahrzehnts i hat sich das jüdische Handwerk sozusagen I demokratisiert, eine Richtung nach den Be- \ dürfnissen und Forderungen der breiten Be- I völkerungsmassen eingeschlagen, es hat sich \ zur Produktion für den Massenkonsum um- I gewandelt. Dies ist auf zweierlei Wegen vor \ sich gegangen. Erstens haben sich in der : letzten Zeit besonders diejenigen Gewerbe; entwickelt, deren Erzeugnisse zur Befriedigung i der allemotwendigsten primären Bedürfnisse; dienen (Kleidung, Schuhe und Wohnungen). Die früher unter den jüdischen Handwerksberufen dominierenden Betriebe der Goldschmiede, der Steinschneider, Uhrmacher, Juweliere, Glasschleifer und sonstige privilegierte Gewerbe, die den Bedürfnissen der ' bemittelten Bevölkerungsklassen dienen, sind jetzt m den Hintergrund getreten und werden durch die geringste Zahl der jüdischen Handwerker in Rußland vertreten. So bilden von all diesen Handwerkern nur die Uhrmacher 1 0 o der jüdischen Handwerker; die Juweliere, Goldschmiede u. dgl. erreichen nicht einmal diesen Prozentsatz, während die Gewerbe, die der Verfertigung von Kleidung und Schuhwaren dienen, 50 0 0 der jüdischen Handwerker in Rußland bilden. Aber nicht nur darin, daß in der Skala | der jüdischen Gewerbe am meisten solche ver- I treten sind, die zur Befriedigung primärer | Bedürfnisse dienen, äußert sich diese Tendenz | des jüdischen Handwerks zur Produktion für i den Massenverbrauch, sondern auch darin, 1 daß jedes einzelne Handwerk mit dem Absatz

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