Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 2 (1906)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1906)
- Article
- Der Selbstmord bei den Juden mit besonderer Berücksichtigung Bayerns
- Date
- 1906-07-01
- Page
- Seite 103 (sequence 3)
- Language
- German
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— 103 - protestantischen Bezirken die Selbstmordfrequenz der Katholiken meist ungünstiger ist als in katholischen, damit zu erklären sucht, daß die Selbstmordfreudigkeit der Protestanten hier gewissermaßen abfärbe, so liefert er den besten Beweis, daß die Erklärung der obigen Resultate allein aus der Religion eine durchaus einseitige und kurzsichtige sein würde. III. Wenn in Bayern. Preußen, Baden die Selbstmordfrequenz der Juden die in den außerdeutschen Ländern außerordentlich überragt, so erklärt sich das also nur teilweise daraus, daß hier religiöse Vorstellungen als hemmendes Moment von Bedeutung sind; andererseits erlangt nämlich in diesen geistig hochstehenden Ländern ein zum Selbstmord hintreibendes Moment erhöhte Bedeutung: die Geisteskrankheit. Die relative Zahl der Fälle, in denen Geisteskrankheit die Ursache zum Selbstmord bildet, läßt sich statistisch nur annähernd ermitteln, da in vielen Fällen dieses Motiv an Stelle von anderen angegeben zu werden pflegt; jedoch dürften andererseits die „unbekannten" Motive vielfach sich als Fälle von geistiger Störung erklären. Uebrigens sind die für verschiedene Länder gefundenen Tabelle IV1). Geisteskrankheit als Motiv. Von 1000 Selbstmorden wurden in Geisteskrankheit begangen: Preußen (1873—1875) Sachsen(1867—1376) Baden..... Frankreich. . . . Italien..... Belgien..... Bayern..... 269 318 401 285 m 470 2001 Tabelle V1) 1847/56 :348; 1857/66 : 356 1851/60:304 1866/71:272 Auf 1000 Angehörige des betr. Bekenntnisses treffen Geisteskranke S 2 =3 tß TZ © •22 e Sa v$ % c tir- © oü^S —t c a> Katholiken Protestanden Juden Bayern (1871) . . Preußen (1871). . Baden (1873) . . Württemberg 1875) Mecklenburg (1862) 0.96 0,87 1,19 1,86 2,0 0,92 0,80 0,95 2,18 1,36 2,86 1,42 1,44 3,96 5,33 300 163 121 213 267 i) Nach Morselli S. 254, 255. Resultate so ähnlich, daß einer vorsichtigen Verwertung nichts im Wege steht. Nach Tab. IV werden 20—30 % und mehr aller Selbstmorde im Zustand geistiger Störung begangen; das Anschwellen der Geisteskrankheiten ist also auch ein Grund für die Zunahme der Selbstmorde. Die Juden sind nun aber, wie die folgende Tabelle zeigt, in den deutschen Staaten an der Zahl der Geisteskranken in unverhältnismäßig starker Weise beteiligt. Da nun die Geisteskranken V5 bis 1/3 alier Selbstmörder liefern, so sind diese Zahlen in der Tat geeignet, die überwiegende Selbstmordfrequenz der Juden in Deutschland in wesentlich anderem Lichte erscheinen zu lassen- Es kann gewiß kein Zufall sein, daß gerade Bayern relativ dreimal so viel geisteskranke Juden als geisteskranke Christen hat. Warum die deutschen Juden im Vergleich zu den anderen Konfessionen einen so außerordentlich günstigen Nährboden für die Geisteskrankheiten und damit für den Selbstmord darstellen, kann hier nicht näher untersucht werden; jedenfalls dürfte die intensive geistige Inanspruchnahme einer der Hauptfaktoren sein. Diese Neigung der bayrischen Juden zur Geisteskrankheit ist somit einer der Hauptgründe für das Ueberwiegen ihrer Selbstmordfrequenz über die der Katholiken. Ob die galizischen oder mährischen Juden, deren Selbstmordfrequenz so gering ist, nicht auch eine viel geringere Neigung zu Geisteskrankheiten haben, müßte erst näher geprüft werden; es darf jedoch wohl als gewiß angenommen werden, da die Bevölkerung der deutschen Staaten überhaupt weit mehr zu Geisteskrankheiten neigt als die der österreichischungarischen Monarchie und speziell als die Galiziens. Dies veranschaulicht die folgende Tabelle VI, nach welcher die relative Zahl der Geisteskranken in Galizien etc. bei weitem niedriger ist als in Bayern; das erklärt natürlich nicht, warum dort die jüdische Selbstmordfrequenz hinter der der galizischen Katholiken und Protestanten zurückbleibt, wohl aber läßt sich daraus folgern, daß die Irrsinnigenquote der dortigen Juden ganz enorm hinter der der bayrischen Juden zurückbleibt; somit ist hier ein Faktor gefunden, der ganz klar beweist, daß die Kon-