Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 2 (1906)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1906)
- Article
- Der Selbstmord bei den Juden mit besonderer Berücksichtigung Bayerns
- Date
- 1906-07-01
- Page
- Seite 102 (sequence 2)
- Language
- German
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— 102 — Bayern treffenden Selbstmorde auf die einzelnen Regierungsbezirke: Tabelle III. Verteilung der Selbstmordfrequenz auf die bayr. Regierungsbezirke. Üurchschn. iP44-18561j DurchschnJ 870-! S9?-2) KegieruDgsbezirk auf iOOüOOO Angeli auf 1000000 Angeh. des betr. Bekenntn. des betr Bekennte. » thol. rot. Juden KathoL Pro Juden. Oberbayern . . 56,0 237,0 123,0 10-\0 341,0 209 Niederbayern . 28,0 148,0? 47 233 259 Oberfranken. . 75,0 146,0 114.0 94 217 233 Mittelfranken . 59,0 134,0 86/ 157 203 163 Unterfranken . 49,0 164,0 141.0 83 208 135 Schwaben . . 58,0 150,0 108.9 97 208 167 Oberpfalz. . . 30,0 90,0? 41 139 119 Pfalz .... 52,0 62.0 35,0 102 173 167 Das Ueberwiegen der jüdischen Selbstmorde über die katholischen ist danach jetzt auch in der Pfalz eingetreten, wo es um die Mitte ^es vorigen Jahrhunderts noch fehlte; dagegen hat sich das Verhältnis gegenüber den Katholiken in Mittelfranken und Unterfranken, den am stärksten mit Juden besetzten Bezirken, zugunsten der Juden etwas verschoben, wenn das Ueberwiegen auch hier außerordentlich geblieben ist. Interessant ist aber vor allem, daß die Tabelle abermals eine Mahnung zur Vorsicht in Verwendung der Tatsache enthält, daß die Selbstmordfrequenz der bayrischen Juden in neuester Zeit selbst die der Protestanten überflügelt (Tab. II); denn gerade die beiden Bezirke, in denen dies schon im Durschschnitt 1870—1899 der Fall ist, sind von so wenig (ca. 300 resp. 3000) Juden bewohnt und die absoluten Ziffern (0,07 resp. 0,7) Fälle pro Jahr sind so minimal, daß von einer Verwertung dieser Tatsachen gar keine Rede sein kann. II. Die angeführten Zahlen zeigen also zunächst im Hinblick auf die Beteiligung der Konfessionen ein Doppeltes: Einerseits ist fast durchweg ein zum Teil außerordentliches Ueberwiegen der Protestanten über die Katholiken zu konstatieren; andererseits erscheint die Hegel, daß die Selbstmordfrequenz der Juden noch günstiger sei als die der Katholiken, in Bayern und neuerdings 1) Aus MorseUi 8.136 f. 2) Nach Krose S. 153 und eigenen Berechnungen, auch in anderen deutschen Staaten, besonders in Preußen durchbrochen. Es ist ganz zweifellos, daß diese beiden Tatsachen weder ohne die Einwirkung der Religion noch mit derselben allein zu erklären sind. Daß die Religion als hemmendes Moment im Vorstellungsleben des zum Selbstmord Neigenden eine sehr große Bedeutung spielt, ist nicht nur an sich wahrscheinlich, sondern aus den in Tab. I angeführten Zahlen direkt zu beweisen, Die Selbstmordfrequenz der Katholiken beträgt sowohl in Bayern wie in Preußen ca. 35 % von der der Protestanten, obwohl hier die „Isolierung" der einen, dort die der anderen Konfession ihre Angehörigen ganz anderen Verhältnissen aussetzt; diese über ganz Europa fast ausnahmslos sich erstreckende geringe Selbstmordhäufigkeit der Katholiken zwingt zu der Annahme, daß die katholische Religion ihre Anhänger mehr von der Begehung eines Selbstmords abhält als die protestantische. Ebenso führen die Zahlen der jüdischen Selbstmordfrequenz zur Annahme, daß hier die größere oder geringere Macht religiöser Vorstellungen einen starken Einfluß ausübt; sonst läßt sich kaum erklären, daß die Länder, in denen die orthodoxesten Juden wohnen (z. B. Galizien, Ungarn) eine so auffallend geringe Beteiligung am Selbstmord der Juden zeigen, während die ungünstigsten Ziffern in den Ländern erscheinen, in denen die Religion bei einem großen Teil der jüdischen Bevölkerung die Bedeutung eines unbedingt gütigen G-esetzes nicht mehr besitzt. Aber so falsch es wäre, diese hemmende Macht der jüdischen Religion zu verkennen, ebenso ungerecht wäre es, diese Erkenntnis in einseitig übertriebener Weise zu überschätzen und nun etwa die Selbstmordfrequenz als Gradmesser der Religiosität der betr. jüdischen Bevölkerung anzunehmen. Eine sozialpathologische Erscheinung, wie sie der Selbstmord darstellt, ist vielmehr stets die Resultante aus zahlreichen Komponenten; so sind auch die Selbstmordziffern der Juden im Vergleich mit den christlichen Konfessionen wie im Vergleich der jüdischen Bevölkerungsgruppen durchaus nicht allein aus dem Einfluß der betr. Religion zu erklären. Wenn z. B. Krose 1. c. die Tatsache, daß in stark-