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Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden · 1906-05-01 · Heft 5 (Mai 1906) · p. Seite 68

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Journal
Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
Volume
2 (1906)
Issue
Heft 5 (Mai 1906)
Article
Anthropologische Untersuchungen über die russisch-polnischen Juden und der Wert dieser Untersuchungen für die Anthropologie der Juden im Allgemeinen
Date
1906-05-01
Page
Seite 68 (sequence 4)
Language
German
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- 68 ~~ folgt, daß der Vergleich der Semiten mit den Juden zu einem negativen Ergebnisse führt. Historisches. Um auf die polnischen Juden wieder zurückzukommen, so sehen wir, daß sie sowohl nach dem Kopfals auch nach dem Schädelindex den mittleren Platz in der Reihe der verglichenen Gruppen der jüdischen Nation einnehmen, da sie den am meisten verbreiteten Typus dieses Index aufweisen. Nimmt man noch die Ergebnisse über ihre Körpergröße, die sich durch einen kleinen Wert auszeichnet, die geringe Zahl der Blonden unter ihnen und schließlich die scharf ausgeprägte Dunkelfarbigkeit ihres Haares und der Augen hinzu, so kann man mit einiger Sicherheit behaupten, daß die polnischen Juden die anthropologischen Besonderheiten, die ihre Nation kennzeichnen, besonders gut erhalten haben. Der guten Erhaltung der charakteristischen Züge ihres physischen Typus könnten die äusseren historischen Bedingungen ihrer Ansiedelungen und des Lebens im Weichselgebiete zugrunde liegen. Die Zeit ihres ersten Auftretens in diesem Gebiete läßt sich nicht genau bestimmen. Wie sich die Geschichte der ursprünglichen Ansiedelungen der Deutschen großenteils nur auf Vermutungen und unklare Ueberlieferungen stützt, so verhält es sich auch mit der Frage über die alten jüdischen Kolonien in den polnischen Landen. Berührt man diese Frage, so wird es notwendig, die existierenden Anschauungen über die Wege, auf welchen die Emigration der Juden aus ihrem ursprünglichen Vaterlande Vorderasien nach den verschiedenen Gegenden Europas erfolgte, im Auge zu behalten. Man unterscheidet drei solcher Wege. Der erste führte über den Kaukasus, der zweite zu den Ufern des Schwarzen und Asowschen Meeres und der letzte, am besten erforschte und glaubhafteste, den der größte Teil der Juden vor dem Beginn ihrer Zerstreuung gegangen ist, umfaßt die zahlreichen Länder der Küsten des Mittelmeeres. Die letzten Arbeiten von Prof. Miller, Harkavy, Chachanoff und Pogodin haben viel Klarheit über die beiden ersten Wege verschafft und den Versuch gemacht, den Zusammenhang zwischen den verschiedenen Wanderungen der Juden nach dem Süden und Südosten Rußlands zu erklären. Wenn auch die Schlüsse dieser Forscher zu ihrer festeren Begründung neuer Darlegungen und Untersuchungen bedürfen, so bleibt doch unzweifelhaft, daß die erwähnten Küsten als Ausgangspunkt zu den späteren jüdischen Kolonien im Süden, Westen, Centrum und teilweise auch Osten Europas dienten, wobei die für uns in Betracht kommende baltische Gegend mit einbegriffen w^urde. Ripley, einer der hervorragendsten Anthropologen der Gegenwart, meint, daß die Ansiedelung der polnischen Juden aus allen Richtungen erfolgte. Es ist möglich, daß diese Behauptung teilweise der Wahrheit entspricht, da die Juden schon im 10. Jahrhundert in Kiew wohnten, von wo sie nach Polen eindringen konnten. Unsere Kenntnisse darüber sind aber sehr spärlich und abgerissen. Viel wahrscheinlicher erweisen sich die Beweise des Eindringens der Juden nach Polen von Westen her. Schon zu Zeiten Karl's des Großen hatten die Juden Handelsbeziehungen mit den slavischen Ländern. Da sie zu diesem Zwecke oft nach dem benachbarten Polen reisen mußten, so ist auch wahrscheinlich, daß sie dabei hier einen ständigen Aufenthalt aufschlugen. Vom Schluß des 11. Jahrhunderts an, als unter dem Einfluß der Kreuzzüge die Verfolgung der Juden begonnen hatte, vergrößerte sich deren Vordringen nach den Grenzen des polnischen Reiches, und nahm in den folgenden Jahrhunderten immer größere Dimensionen an. Andererseits haben viele polnische Fürsten und Könige, die die nützliche Tätigkeit der Juden einsahen, durch verschiedene Privilegien und Vorrechte, die eine vorteilhafte Lage für die Juden geschaffen haben, die letzteren vielfach angelockt. Auf diese Weise bildeten die Juden mit der Zeit einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung dieses Landes; trotzdem blieben sie Ausländer und waren streng abgesondert von der übrigen Bevölkerung, was besonders mit der wachsenden Macht der Geistlichkeit und der damit im Zusammenhange sich entwickelnden religiösen Unduldsamkeit schroff hervortrat.

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