Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 1 (1905)
- Issue
- Heft 9 (September 1905)
- Article
- Der Cheder-Unterricht in Rußland
- Date
- 1905-09-01
- Page
- Seite 9 (sequence 4)
- Language
- German
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9 — und Leute verschiedener anderer Berufe. Ueber die frühere Beschäftigung der Melamdim in Kiew haben wir folgende Mitteilungen: Es hatten auch früher denselben Beruf 35,7% „ waren in den Chedarim als Behelf er 17,1 % „ gaben Stunden in der russischen Sprache.......: . . 6,6% hatten früher eine andere Beschäftigung (als Handwerker, Händler, Vermittler, Prediger, ausgediente Soldaten usw.)........ 40,6% 100 % Tatsächlich sehen wir, daß in sehr vielen Fällen Melamdim solche Leute werden, die auf andern Gebieten Schiffbruch gelitten haben. Dieser Beruf ist nicht leicht und wenig lohnend. So sagt schon ein altes jüdisches Sprichwort: „Zum Sterben und Knellen kann man nie zu spät kommen". Das Einkommen des Melamed ist gering. Das durchschnittliche jährliche Schulgeld eines Schülers schwankt zwischen 18—25 Rubel. Gewöhnlich wird dieses nicht jährlich, sondern halbjährlich für einen „Sman" (Semester) entrichtet. Die durchschnittliche Zahl der Schüler in jedem Cheder beträgt 14. Bei durchschnittlichem Schulgeld von 18 Rubel hat der Melamed also eine jährliche Einnahme von 252 Rubel, bei 25 Rubel eine jährliche Einnahme von 350 Rubel, d) Unterrichtsräume. „Das Cheder", schreibt ein Kenner des Chederwesens, „ist gewöhnlich ein typisches Bild der jüdischen Armut mit Schmutz im Korridor und auf den Treppen, mit dem spezifischen Geruch der zersetzten Küchenabfälle, mit den schmutzig gehaltenen Klosetts usw. Das Cheder dient meistens gleichzeitig als Wohnzimmer für den Melamed mit seiner gewöhnlich sehr zahlreichen Familie." Ein anderer Berichterstatter aus Jekaterinoslaw schildert das jüdische Cheder folgendermassen: „Der Unterricht wird in einem Zimmer mit niedriger Decke (21/2 m) und ungestrichenem, nassem Fußboden, der mit Holzspähnen bestreut ist, erteilt. Die Schüler sitzen mit dem Melamed zusammen auf 2 langen Bänken an einem Holztisch. In einer Ecke steht ein großes Bett und einige Kinderbettchen, die mit Lumpen bedeckt sind. Der Lehrer, die Schüler, die Kinder des Hauses sind in Lumpen gehüllt* Feucht, schmutzig und dumpf." In noch ärgerem Zustande befinden sich die Talmud-Thora-Schulen. Ein zerfallenes Dach, zerbrochene Fensterscheiben und Türen sind ihre notwendige Dekoration. Die Luft ist verdorben, keine Vorzimmer, keine brauchbaren Ofen. Die Fußböden werden nicht gewaschen, die Wände nicht gereinigt, das Zimmer im Winter schlecht geheizt. Sehr selten befindet sich neben dem Cheder ein Hof, in dem die Kinder in den Pausen ausruhen könnten. Die ganze Einrichtung ist höchst unhygienisch. e) Unterricht. Unterricht wird größtenteils nur im Hebräisch- Lesen und -Schreiben erteilt. In höheren Chedarim liest man die fünf Bücher Mosis und die Propheten; lernt ferner auch Talmud. Die Schulstunden sind von 9—5, in manchen von 9—7, selbst von 9—8. Ueber den Unterricht wird in dem Werke der I. C. A. folgendes gesagt: „Außer den antihygienischen Bedingungen der Cheder-Einrichtungen wirken sowohl die äußere Ordnung der Beschäftigung, als auch die Methode des Unterrichts sehr schädlich auf die Fortschritte. Meistenteils sind die Schüler in einige Gruppen geteilt, von denen jede Gruppe nur einen kleinen Teil des Tages beschäftigt wird, während die ausruhenden Schüler die lernenden stören. Da die Melamdim keine pädagogische Erfahrung besitzen, sind sie nicht imstande, die Disziplin unter den Schülern aufrecht zu erhalten. Die Ruhe wird stets gestört, die Aufmerksamkeit abgelenkt, alle antworten zusammen, und im Zimmer herrscht ewiger Tumult . . . Das System des Unterrichts ist ein sehr primitives und beschränkt sich auf ein mechanisches Nachsprechen dessen, was der Lehrer vorspricht, auf ein fortgesetztes Wiederholen der Texte und auf Aneignung unverstandener Phrasen. Kein Übergang vom Leichten zum Schweren, keine Systematisierung, keine Spur von den modernen Reichtümern des Schulunterrichts." f) Bedeutung des Cheders. Nur die Zusammenhäufung der Juden im Ansiedlungsrayon, ihre Separierung von der