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Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden · 1905-09-01 · Heft 9 (September 1905) · p. Seite 10

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Journal
Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
Volume
1 (1905)
Issue
Heft 9 (September 1905)
Article
Der Cheder-Unterricht in Rußland
Date
1905-09-01
Page
Seite 10 (sequence 5)
Language
German
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— 10 — übrigen Bevölkerung, die Beschränkung der Aufnahme in die allgemeinen Lehranstalten, der vorherrschende religiöse Konservatismus erhalten diese unmoderne Erziehungsinstitution. Erst in der letzten Zeit läßt sich im Chederwesen eine neue Strömung bemerken, die auf eine Reform dieser Anstalten gerichtet ist durch Errichtung von Muster-Chedarim (Chedarim m'thukanirn). In letzteren wird die hebräische Sprache nach der Berlitz-Methode (iwrith b'iwrith — hebräisch durch hebräisch) unterrichtet, man legt viel Wert auf die jüdische Geschichte, verbessert die innere Ordnung, verändert den Schulplan und geht im allgemeinen nach einem fest geregelten Programm vor. Bis jetzt ist die Zahl dieser Chedarim noch recht gering, aber voraussichtlich werden sie sich vermehren und mit der Zeit die jetzigen ganz verdrängen. Man darf jedoch die große Bedeutung, welche das Glieder schon in seiner jetzigen, traditionellen Form auf die kulturelle Hebung der russischen Juden ausübt, nicht verkennen. Wir haben gesehen, daß fast alle jüdischen Knaben in dem Ansiedelungsrayon eine Cheder - Bildung genießen. In Rußland, wo bekanntlich kein Schulzwang besteht und der Prozentsatz der Analphabeten ein sehr hoher ist, ist unter den Juden, wenigstens unter den Männern, diese Erscheinung gar nicht zu bemerken. Die ganze männliche jüdische Bevölkerung ohne Ausnahme versteht jüdisch zu lesen. Sogar unter den Frauen gibt es wenige, die nicht imstande sind, die „schwarzen Pünktchen", wie sie es nennen, zu entziffern. Die jüdischen Sitten und Traditionen fordern von jedem Juden, hebräisch lesen zu können. Die täglichen Gebete, das tägliche Lesen der vorgeschriebenen Kapitel des Psalmbuches u. s. w. verbinden den Juden mit den gedruckten Worten. Dank dieser unter den Juden verbreiteten Elementarbildung konnte sich die Jargonliteratur trotz der feindlichen Haltung der Regierung, die bis vor kurzem die Herausgabe von Tages - Zeitungen und populär - wissenschaftlichen Büchern verboten hatte, in den letzten Jahren recht ansehnlich entwickeln. Diese Elementarbildung spielt auch eine hervorragende Rolle in der jetzigen jüdischen Arbeiter-Bewegung in Rußland. Während die christlichen Revolutionäre mit ganz ungebildeten Volksmassen zu tun hatten, fand der jüdische Revolutionär vollständig entwickelte und verständnisvolle Schüler, die mit Begeisterung die Idee des Sozialismus annahmen. Jüdische Proklamationen und Aufrufe wurden in vielen tausenden Exemplaren verbreitet und von einer großen Zahl jüdischer Arbeiter in allen Städten und Städtchen des Ansiedlungsrayons gelesen. Viel weniger wie das Lesen ist die Schreibkunde verbreitet. Hier müssen wir konstatieren, daß ufjgeachtet des allgemeinen Chederbesuches nicht die ganze jüdische Bevölkerung schreiben kann, und zwar deshalb, weil nicht in allen Chedarim im Schönschreiben unterrichtet wird. Außerdem verlernt man im allgemeinen das Schreiben leichter. Einem Juden eines abgelegenen kleinen Städtchens kommt es wohl überhaupt nicht oft vor, von Tinte und Feder Gebrauch zu machen. Anderseits ist es einem beträchtlichen Teil der jüdischen Bevölkerung des Ansiedelungsrayons — und zwar der Handelsklasse — durchaus notwendig, irgend eine Buchführung zu führen, und wenn dies auch in einer vielleicht sehr primitiven Form geschieht, so führt doch diese Tatsache dazu, daß ein großer Prozentsatz der Juden zu lesen und schreiben versteht. Zuletzt noch ein Wort über die Höh© der für die Chederbildung verausgabten Kosten. Im ganzen Ansiedhiugsrayon gibt es, wie oben erwähnt, 370 767 Chederzöglinge; da ein jeder Schüler 18—25 Rubel jährlich Schulgeld zahlt, so betragen die jährlichen Aufwendungen für den Cheder-Unterricht 6 673 806 - 9 269 175 Rubel, eine im Verhältnis zur ökonomischen Lage der russischen Juden und dem allgemeinen tiefen Kulturstande des russischen Volkes sehr beträchtliche Ausgabe für Unterrichtszwecke. Durchschnittlich beträgt dies ungefähr 1,62 Rubel pro Kopf und 8,10 Rubel pro Familie, eine Ausgabe, wie sie in dieser Höhe wohl kaum ein anderes Volk aufbringt.

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