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Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden · 1905-06-01 · Heft 6 (Juni 1905) · p. Seite 4

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Journal
Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
Volume
1 (1905)
Issue
Heft 6 (Juni 1905)
Article
Über die sprachlichen Verhältnisse der Juden Russlands
Date
1905-06-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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— 4 - der polnischen Kultur und deren Sprache eine ganz minimale; sogar in der ehemaligen polnischen Provinz Litauen ist die polnische Sprache unter den Juden fast garnicht bekannt. Destomehr ist dieselbe unter den Juden der 10 Gouvernements des ehemaligen polnischen Staates, des sogenannten Königreichs Polen, verbreitet und zwar zählt sie nach der Volkszählung 46 583 Anhänger d. h. dreitausend mehr, als die russische Sprache im gesamten Ansiedlungsrayon aufweist. Von der Gesamtzahl der 99830 Judeu des Ansiedlungsrayons, die eine nichtjüdische Sprache sprechen, entfallen 46,6 %, also fast die Hälfte auf das Polnische. Selbst wenn wir diese polnisch sprechenden Juden als Polen (im nationalen Sinne) betrachten, so wissen wir hiermit wenigstens, daß die Zahl der polnisch-assimilierten Juden doch eine ziemlich geringe ist. Noch weniger bedeutend ist die Zahl der russisch-assimilierten. Im ganzen Ansiedlungsrayon haben wir nur 43129 Personen, welche die russische Sprache als Muttersprache angegeben haben, und wenn wir in Betracht ziehen, daß es unter den russisch sprechenden Juden eine ganze Bienge jüdisch-national gesinnter Männer gibt, so ist klar zu erkennen, wie unbedeutend, ja ganz verschwindend klein die Zahl der russischassimilierten Juden ist. Wenn wir weiter die Zahlen der Tabelle II betrachten, so finden wir nach der polnischen und russischen an der dritten Stelle die deutsche Sprache. Dieselbe zählt unter den Juden des Ansiedlungsrayons 4302 Anhänger, und zwar hauptsächlich unter den Intelligenten der an Deutschland grenzenden Gouvernements (Petrokow, Kaiisch, Kowna, Suwalky, Kielcy) und außerdem noch in manchen größeren Städten wie Warschau, Odessa und Wilna. Dies sind Anhänger der Mendelssohn- Schule, die Beste der einst als „Berliner" verschrieenen Träger der Aufklärung, Bildung und der deutschen Kultur. Ueber die Verbreitung der deutschen Sprache unter den Juden der baltischen Provinzen fehlen vorläufig noch die statistischen Belege. Die vierte Stelle unter den nichtjüdischen Sprachen nimmt die tatarische ein. Dieselbe ist in ihrer Verbreitung auf die Halbinsel Krim beschränkt, wo sie in manchen Ortschaften die Stelle des „Jüdischen" vertritt. So spricht in der Stadt Karaßubasar von der gesamten jüdischen Bevölkerung von 3144 Seelen mehr als die Hälfte — 1912 — tatarisch, und wir finden ferner tatarisch sprechende Juden in Symferopol (576), Kerz (312) und anderen Städten der Krim. Die tatarisch sprechenden Juden sind unter dem tarnen „Krimtschaker" bekannt. Der Ursprung dieser Juden verliert sich tief ins Altertum. Wie bekannt, gab es jüdische Kolonieen an den Ufern des Schwarzen Meeres schon in den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung, später war Taurien viele Jahrhunderte hindurch im Besitz der mongolischen Tataren, und durch das lange Zusammenleben hat sich bei deu Krimer Juden ein tatarischer Jargon ausgebildet. Wenn wir irgendwo im Ansiedelungsrayon einzelne tartarisch sprechende Juden antreffen, so können wir sicher sein, dass dieselben Vertreter der Krimtschaker sind. Ganz spärlich ist die Verbreitung der litauischen Sprache unter den Juden, doch finden wir einzelne „Litauer mosaischer Konfession" nicht nur in Litauen, sondern sogar außerhalb der Grenzen Litauens, in Polen und Südrußland. Die Gesamtzahl der litauisch-assiinilierten ist 533. * * * Bei der Betrachtung der zahlenmäßigen Verbreitung der verschiedenen Sprachen und deren Gegenüberstellung mit der Gliederung nach Konfessionen fällt das Vorkommen der nichtjüdischen Elemente unter der Rubrik „jüdische Sprache" auf. Wir finden bei dieser Rubrik Griechisch-Orthodoxe, Katholiken, Lutheraner. Menoniten, Baptisten, ja sogar Mahomedaner. Es sind dies wohl ausschließlich Personen, die von der jüdischen zu einer anderen Konfession übergetreten sind und den Mut gehabt haben, bei der Volkszählung ihre jüdische Abstammung nicht zu verleugnen und die jüdische als ihre Muttersprache offiziell anzugeben. Die Tabelle Hl gibt darüber näheren Ausschluss.

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