Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 1 (1905)
- Issue
- Heft 3 (März 1905)
- Article
- Statistik und Judenfrage
- Date
- 1905-03-01
- Page
- Seite 12 (sequence 2)
- Language
- German
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— 12 - das einzige statistisch sicher erfaßbare Symptom einer ganzen Reihe von Erscheinungskomplexen ist, wodurch sich die Juden von dem Restbestande der Bevölkerung oder von der Bevölkerung überhaupt unterscheiden. Dies ist nun freilich nur eine durch eine alte Tradition und durch die tägliche Erfahrung begründete Annahme, dagegen wissenschaftlich durchaus nicht erwiesen. Insbesondere fehlt uns noch jeder genauere und zuverlässigere Nachweis über die Einzelheiten jener Differenzierungsmomente. Aber gerade dieser Umstand kommt einer dringenden Aufforderung gleich, diese Lücke zu ergänzen und die Tatsache der Zugehörigkeit zur jüdischen Konfession immer weiter bis zu ihren geheimsten und verwickeitsten Komplexerscheinungen zu verfolgen. Ist dies geschehen, dann erst kann es gelingen, in Abstraktion von dem konfessionellen Moment und in Anknüpfung an die bei der Konfessionsstatistik gefundenen Ziffern- und Tatsachenreihen eine vollständige Demographie jenes Teilbestandes der Bevölkerung zu liefern, den man aus dem einen oder anderen Gesichtspunkte und Grunde zur jüdischen Bevölkerung zu rechnen berechtigt ist. Die staatliche oder in politischen Gemeinden organisierte Statistik kann den Vvunsck nach einer derart bis ins kleinste und feinste ausgebildeten Statistik der Juden nicht erfüllen und befriedigen. Der Grund ist einfach. Für den Staat — und das Gleiche gilt auch von den übrigen politischen Verbänden — ist die Konfession nur eines — und durchaus nicht das wichtigste — von den Momenten, nach denen sich die Bevölkerung differenziert. Die Folge davon ist, daß die Kombination der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Konfession mit anderen statistisch erfaßbaren sozialen Tatsachen nicht in dem Maße Berücksichtigung finden kann, als es bei einer statistischen Unternehmung der Fall ist, die sich ausschließlich mit dieser Aufgabe beschäftigt. Z. B.: Die Ausscheidung der Bevölkerung nach der Konfession wird im Tabellenwerk verbunden mit der Ausscheidung nach Geschlecht und Familienstand; oder sie wird verbunden mit der Ausscheidung nach der Nationalität und Gebürtigkeit. Sie wird dagegen nicht verbunden mit der Ausscheidung nach allen diesen Momenten zugleich. Auf Grund des oben erwähnten Vordringens der Empirie in Technik und Wirtschaftsleben hat man unsere Zeit mit Röcht das empirische Zeitalter genannt. Das gilt aber nicht in Ansehung einer Frage, für deren wissenschaftliche Beantwortung eine Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden in erster Linie sich zu; interessieren berufen ist: der Juden frage. Von \ der Parteien Haß und Gunst verzerrt schwankt : ihr Charakter nicht nur in der Geschichte, sondern! auch in der Gegenwart. j Die bisherige Behandlung der Judenfrage in der Literatur war folgende: Die Einen machten sich einer petitio principii schuldig, indem sie von einer veralteten, von der modernen Anthropologie längst verlassenen Sassen kl assifikation ausgingen. Mit dem Hinweis auf den Unterschied zwischen Ariern und Semiten, mit der Hypothese von der Herrschermission der Ersteren, mit der Analogie zwischen dem Handelsgeist der Phönizier und j der heutigen wirtschaftlichen Stellung der Juden j und mit ähnlichen das Gepräge des Dilletan- | tismus au sich tragenden phantastischen | Aufstellungen glaubten sie mit Leichtigkeit die j Juden frage theoretisch entschieden zu haben, j Die in ihrer ethnologischen Ehre also Gekränkten! wurden naturgemäß in die entgegengesetzte, ebenso falsche und aussichtslose Richtung gedrängt: Sie leugneten überhaupt die Existenz einer Juden frage und schrieben | den Umstand, daß eine solche aufgeworfen wurde, nur dem „religiösen Fanatismus" zu. Sie glaubten, wenn ihre Gegner mit dunklen Farben malten, nun zum Gegengewicht um so hellere | anwenden zu müssen. Daraus folgte eine Kritikj losigkeit gegenüber allen historisch gegebenen i Erscheinungen im Judentum, die ebenso sehr das j Gegenteil von Wissenschaftlichkeit bedeutet, wie; jenes Arbeiten mit immanenten Rasseneigen- | Schäften. Auf beiden Seiten fehlte also die ge- : rechte Abtönung, mit anderen Worten die Ob- ' jektivität. I Der Hauptfehler aber, den man bisher in | der Behandlung der Judenfrage machte, war der, ■ daß man sie isoliert behandelte, während sie