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Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden · 1905-03-01 · Heft 3 (März 1905) · p. Seite 11

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Journal
Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
Volume
1 (1905)
Issue
Heft 3 (März 1905)
Article
Statistik und Judenfrage
Date
1905-03-01
Page
Seite 11 (sequence 1)
Language
German
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— 11 — Statistiii und Judenfrage. Von Dr. Arthur Cohen, München. Schon häufig ist mit Bedauern konstatiert worden, daß der Politik eine Methode fehlt, der die Naturwissenschaften ihre großen Erfolge verdanken: das Experiment. Zwar ist es merkwürdig, wie oft in der Vergangenheit die Staatsmänner am Volkskörper herumexperimentiert haben, allerdings ohne Erfolg, weil es unmöglich war, das Versuchsobjekt entsprechend zu isolieren, j Heute fehlt den Staatsmännern das corpus vile; j die Heiligkeit des Individuums im modernen Staat hat das Gewissen derer geschärft, denen die Wohlfahrt der Tausende anvertraut ist. Aber wie in der Technik Tradition und Routine von der Empirie verdrängt worden sind, so wird auch die Staatskunst sich immer mehr darauf angewiesen sehen, eine exakte Methode zur Erfüllung ihrer Aufgaben zu suchen. Und eine solche exakte Methode ist die statistische. Ihre Stärke beruht bekanntlich in dem sogenannten „Gesetz der großen Zahl". Die Wirkung dieses Gesetzes 'kann man am besten an einem Beispiel veranschaulichen. In einer Gebirgslandschaft tritt das zunächst liegende Terrain viel massiger vor die Augen, als es den natürlichen Größenverhältnissen entspricht. Ja, manche dahinter liegende stolze Bergspitze wird durch bescheidene, aber in der Nähe befindliche Erhöhungen verdeckt. Betrachtet man dann die Bergkette aus einer größeren Entfernung, so daß die Details der Gebirgsformation verschwinden, so kann man infolge des guten Ueberblicks die Proportionen viel leichter feststellen. In der Nähe treten eben zufällige Einzelheiten weit schärfer, ja allzuscharf hervor, und so kommt es, daß Praktiker, besonders Parteipolitiker, auf Grund des von ihnen Beobachteten nur allzu leicht zu unzutreffenden Verallgemeinerungen gelangen. Dagegen hilft nur die Statistik, d. h. die zahlenmäßige Erfassung der Massenerscheinungen. Sie verhindert, daß die Ausnahmen mehr aus sich machen, als sie sind, daß sie sich ungebührlich breit machen, und bewirkt, daß die Massenerscheinungen die Bedeutung gewinnen, die ihnen von Wissenschaftswegen zukommt. In die verwirrende Mannigfaltigkeit der sozialen Erscheinungen kommt durch die Statistik Rythmus, Maß und Ordnung: sie treten in Reih und Glied und sind nur noch eine Ziffer in der sozialen Gruppe, der sie angehören. Dies bezieht sich nicht nur auf die Statistik staatlich organisierter Völker, sondern auch innerhalb der staatlichen Statistik sowie darüber hinaus läßt sich die statistische Methode zu exakten demologischen Beobachtungen verwerten. Es gibt nicht nur eine „deutsche Statistik", sondern auch eine „Statistik der Deutschen" (wenigstens könnte es eine solche geben). Sie hätte z. B. die in Amerika lebenden Deutschen einzubeziehen, dagegen die im Deutschen Reich lebenden Polen unberücksichtigt zu lassen. Auch bei einer Statistik der Juden handelt es sich um die zahlenmäßige Erforschung derMassenerscheinungen innerhalb eines nach objektiven Merkmalen abgegrenzten Teiles der Bevölkerung. Das objektive Merkmal ist die Konfession, die jüdische Konfession. Zunächst wird also die Statistik der Juden eine Konfessionsstatistik sein. Die Differenzierung der Bevölkerung nach der Konfession hat eine über die religionsgeschichtliche und kirchenpolizeiliche weit hinausgehende Bedeutung. Es ist bekannt, wie sehr in Deutschland die Gliederung der Bevölkerung nach der Konfession zusammenhängt mit ihrer Gliederung nach politischen, wirtschaftlichen und sozialen Gesichtspunkten, und die Konfessionsstatistik hat daher in Deutschland von jeher eine Pflege gefunden wie nicht in allen europäischen Staaten. Nur ein Beispiel. In der Statistik über die Reichstagswahlen von 1903 ist bei der Ausscheidung der abgegebenen gültigen Stimmen nach politischen Parteien auch der Prozentsatz der evangelischen und der katholischen Bevölkerung nach Wahlkreisen angegeben. Das Statistische Amt ging von der Annahme aus, daß die Konfession zu den — sei es direkten, sei es indirekten — Ursachen des politischen Charakters zu zählen ist. Die Konfession gehört also statistisch zu den bedeutungsvollen Momenten der sozialen Differenzierung. Besonders aber ist das bei den Juden der Fall, weil bei ihnen die Konfession

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