Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 1 (1905)
- Issue
- Heft 3 (März 1905)
- Article
- Die Auserwähltheit der Juden im Lichte der Biologie
- Date
- 1905-03-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2650397-3187624-3187628-3188042--0091-3188064- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
3 - Moses läßt Israel den Bund mit Gott erneuern, welchen die Stammväter geschlossen, d. h. mit klarem Bewußtsein und starkem Willen den Vorsatz zu einem musterhaften Leben wieder aufnehmen. Aber er vervollkommnet und erweitert die groß« Berufung, welche für die Hebräer durch diesen „Bund mit Gott" erwächst. Er prägt es den Söhnen seines Volkes ein, daß sie verpflichtet seien, im Studium, in Gerechtigkeit und Reinheit über das Durchschnittsmaß hinauszustreben, und den anderen Nationen die Erkenntnis der höchsten Menschheitsideale zu vermitteln, sie zur Erstrebung derselben hinzuleiten. Diese doppelte Berufung Israels, die der Selbst Vervollkommnung und die der Vervollkommnung anderer wird vom Sinai mit den Worten verkündet: „Ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk." (2. B. M., 19, 6.) So fällt den Hebräern in der Geschichte die Aufgabe eines großen weltlichen Ordens zu: das ist der Sinn ihrer Auserwähltheit. Als sicheres Ergebnis des Strebens nach Heiligkeit stellt der Mosaismus den Hebräern den ewigen Bestand ihres Stammes in Aussicht. Es ist ein Lohn, aber gleichzeitig eine Pflicht: die des ewigen Zeugens von der Weisheit der „Gebote Gottes", die des ewigen Belehrens der Völker: „Denn von Zion wird das Gesetz ausgehen und das Wort des Herrn von Jerusalem." So wird die Auserwähltheit Israels, welche ursprünglich nur in einer speziellen Geistesrichtung und in sorgsamer Bewahrung heilbringender Lehren beruhte, zu einer tätigen Mission im Bereiche der ganzen Menschheit und im Rahmen der gesamten Weltgeschichte. Die Auserwähltheit war also nicht im Sinne der materiellen Macht und kriegerischer Ausbreitung gedacht. Klar wird dies im 5. Buche Mosis ausgesprochen: „Nicht hat euch der Herr angenommen und erwählt, daß eurer mehr wären, denn alle Völker; denn du bist das wenigste unter allen Völkern." (5. B. M., 7, 7.) Die Bibel warnt Israel stetig davor, „wie andere Völker" sein zu wollen; sie verpönt den „Imperialismus", die Pracht des Königstums, die Revanche- und Expansionspolitik. Allerdings umfaßt das Gesetz Mosis auch alle Seiten des praktischen Lebens und stellt seinen Bekennern, bei Befolgung seiner Bestimmungen, in den Grenzen eines unverrückbar kleinen Gemeinwesens gesunde Blüte in Aussicht. Diese für Israel einzig maßgebende und bindende Gestaltung des Auserwähltheitsbegriffs, zu welcher Moses die abrahamitische Konzeption emporgeführt, wurde freilich nicht zu allen Zeiten von dem Volke klar erfaßt, ja selbst die Propheten wurden ihr nicht in allen Epochen gerecht. Zur Zeit der staatlichen Existenz der Hebräer, insbesondere in der Frühperiode und Blütezeit überwog noch die nationale Auffassung der Auserwähltheit, wie sie den Abrahamiten eigen war; man ^gab ihr vielfach eine materielle Deutung, ja man legte sie in kriegerischer Weise aus. Die der Entwicklung voraneilenden Ideen des intellektuellen und ethischen Genies Mosis werden zeitweise von den primitiv-brutalen Instinkten der Nationalpolitik verdrängt. Die Propheten unterlassen es jedoch auch in ihrem Chauvinismus niemals, den Triumph Israels mit seiner Berufung, die wahre Lehre zu verkünden, in Verbindung zu setzen. Das Volk aber läßt den ihm auferlegten Charakter eines Ordens völlig aus den Augen, es vergißt seine Priestermission, gleichzeitig jedoch berauscht es sich an dem Gedanken seiner Auserwähltheit. Gerade damals ist Israel von seiner wahren Auserwähltheit am meisten entfernt, entbehrt es jeder Berechtigung zu einer Sonderstellung in der Menschheit. Von Generation zu Generation vererbt, in Fleisch und Blut übergehend, wird dieser Nationalhochmut zweifellos zu einem Nationalunglück; er trägt mit Schuld an dem Fall des Hebräerstaates. Allmählich jedoch bricht sich die Erkenntnis von dem wahren Charakter der Auserwähltheit Israels Bahn. „Der zweite Jesaia weiß den Segen der Berufung durch Jahve zu schätzen, aber erkennt auch die Pflichten, die sie auferlegt. Es ist eine hoch erhabene Stellung, die er seinem Volke anweist. Aber die Verantwortlichkeit, die sie mit sich bringt, entspricht vollauf dieser Höhe. Israel ist vor den Nationen