Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 1 (1905)
- Issue
- Heft 3 (März 1905)
- Article
- Die Auserwähltheit der Juden im Lichte der Biologie
- Date
- 1905-03-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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hängen widerspräche und nicht mit Leichtigkeit widerlegt werden könnte. Auf die Schlußfolgerungen lohnt es sich nicht einzugehen. Sie enthalten die populäre, längst widerlegte, antijüdische Geschichtsverkehrung. Jedes vorurteilslos erzogene, nichtjüdische Kind weiß es heute, daß die Juden nicht darum zu „Schacherern" wurden; weil ihr Gesetz es ihnen gebot, sondern weil — wie Michaelis selbst anführt — alle Gewerbe außer dem Handel ihnen verschlossen waren; daß sie nicht darum ins Ghetto eingesperrt wurden, weil sie die anderen Völker haßten, sondern umgekehrt durch die barbarische Behandlung mit einem Groll gegen die Völker erfüllt wurden, der übrigens sofort nach der Emanzipation in Liebe und ein geradezu illusionistisches Solidaritätsgefühl mit denselben umschlug. Doch wenden wir uns den Hauptgesichtspunkten zu. Jene Forscher, welche das Wesen und die Geschichte des Judentums von einem modernen; Völker-vergleichenden, naturwissenschaftlichen oder materialistischen Standpunkte aus erklären wollen, verfallen vielfach in den Fehler, daß sie in die jüdischen Quellen nicht tiefer eindringen zu müssen glauben. Sie stützen sich auf die Bibel und konstruieren sich das Exempel nach Analogie anderer Völkergeschichten. So angewendet, führt die moderne Wissenschaft, die unsere Anschauungen klären sollte, zu einer Verdunkelung derselben. Die Bibel enthält bekanntlich nur die schriftliche, für das ganze Volk bestimmte Lehre des Judentums, neben der eine mündliche Ueberlieferung als Erklärung und Ergänzung derselben bestand. Maimonides hat diese mündliche, esoterische Lehre in seinen Schriften niedergelegt. Liest man nun die Bibel unter Heranziehung der Kommentare, die er und andere jüdische Denker hinterlassen, so überzeugt man sich, daß der willkürliche, persönliche Gott, mit dem die Bibel aus volkspädagogischen Rücksichten operiert, nichts anderes ist, als die höchste Abstraktion des Seienden, daß sein Wille sich mit der Gesamtheit der erkannten Naturgesetze deckt. Die moralische Geschichtsauffassung der Juden fällt so mit der naturwissenschaftlichen zusammen. Ihre Geschichte ist nicht das Produkt der göttlichen Willkür, sondern ihres Verhältnisses zu den Naturgesetzen. Sie schließen sich von der Weltgeschichte keineswegs aus, sondern fühlen sich im Gegenteil auf Grund ihrer Weltanschauung berufen, in ganz bestimmter Weise in dieselbe einzugreifen. Und dies führt uns zur Idee der Anserwähltheit. Auch diese Idee ist, ebenso wie der Gottesbegriff als höchste Abstraktion des Seins, obwohl sie die Bibel in der Form einer Offenbarung enthält, selbstverständlich nichts anderes als das Produkt der eigenen intellektuellen und moralischen Fähigkeiten, der Gedankenarbeit des jüdischen Volkes. Man kann es selbst in der Bibel sehr genau verfolgen, wie sie sich von einer primitiveren Auffassung bei Abraham zur idealeren Gestaltung bei Moses entwickelt, wie sie von den älteren Propheten mißdeutet und erst von den späteren in höchster Reinheit gelehrt wird. Man begibt sich von vornherein auf einen völlig irreführenden Weg, wenn man diese große Idee einfach als einen besonders schroffen Ausdruck des allen Völkern gemeinsamen Rassenstolzes auffaßt. Vielmehr bildet ihren Kern etwas, das das jüdische Volk und seine Geschichte prinzipiell unterscheidet: dies ist der Gedanke, ein Volk nicht zum unbewußten Spielball seiner Leidenschaften und der geschichtlichen Ereignisse werden zu lassen, sondern es auf Grund der gewonnenen, höheren Weltanschauung bewußt zu leiten, einem großen, erst nach Jahrtausenden oder in unabsehbarer Zeit erreichbaren Entwicklungsziele zuzuführen. Damit wurde in die Geschichte der Juden ein mächtiger ideologischer Faktor hineingebracht, der es völlig verfehlt erachten läßt, ihr Geschick nach der einseitig materialistischen Schablone zu konstruieren. Wir werden uns aber überzeugen, daß dieser Faktor keineswegs einen ewigen Stillstand im Judentum zur Folge hatte, sondern im Gegenteil zu steter Entwicklung anregte. II. Worin besteht die Anserwähltheit der Juden? Wir wollen diese Idee in jener maßgebenden j Prägung untersuchen, die Moses ihr verliehen.