Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 1 (1905)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1905)
- Article
- Der allgemeine jüdische Arbeiterbund (Bund) in Russland, Polen und Littauen
- Date
- 1905-02-01
- Page
- Seite 10 (sequence 7)
- Language
- German
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- 10 — Wenn es nun aber auch dem ,,Bund:* nicht gelungen ist, die jüdischen Massen zu revolutionieren, so hat er doch bis zu einem gewissen Grade über den Kreis der von ihm organisierten Zehntausende hinaus indirekt gewirkt. Der Mut. die Opferwilligkeit und der Freiheitsdrang der „Bundisten" wirkten auch manchmal auf Abseitsstehende erzieherisch. Das zeigte sich besonders, als „Bundisten" und Zionisten nach den letzten „Pogromen" die Juden zur Selbstwehr organisieren konnten und dadurch den panischen Schrecken unter einen Teil der Juden bannten. Der „Brnid" als jüdische Organisation. Was die Entwicklung des Bundes" nach der jüdischen Seite hin betrifft, so vollzog sie sich vor allem mehr durch äussere Einflüsse als durch inneren Antrieb. Zum ersten Mal zwang ihn zur Betonung des jüd. Standpunktes seine Polemik mit der Polnischen Sozialistischen Partei. Letztere wollte den ,,Bundistcn*: das Recht absprechen, eine Propaganda, unter den jüd. Arbeitern Polens und Littauens zu führen, auf Grund desUmstandes, dass der „Bund" einen Teil der russischen Partei bilde und so russifikatorischen Tendenzen in Polen Eingang schaffen würde. Dadurch, daß er sich veranlaßt sah, sich als Ve r t r e t e r der jüdischen Arbeiter zu erklären, wurde dem ..Bund'* selbst seine jüdische Funktion mehr bewußt. Auf der anderen Seite drängte die damals immer mehr um sich greifende Bewegung des Zionismus, die der „Bund*4 lebhaft bekämpfte, gleichfalls zu einer präziseren Stellungnahme in der Frage des National jüdischen. Während die ,,B midisten1* zunächst den Nationalismus der Zionisten als Ausfluß bourgeoiser Gesinnung befehden und ihm einen anationalen Socialismus entgegenstellen, ringen sie sich in der Folge zu nationalen Erkenntnissen durch und beschließen auf ihrer dritten Konferenz (im J. 1900), in ihren Organen eine Diskussion über die nationale Frage zu eröffnen. Auf der Konferenz im nächsten Jahre faßten sie sodann folgende Resolution: ,;Die Konferenz erkennt, daß nach dem Sinne des sozialdemokratischen Programmes nicht nur keine Klasse über die andere , . , sondern auch keine Nation über die andere, keine Sprache über die andere herrschen dürfe/' j ..Demgemäß müsse sich ein Staat wie Ruß- | land, der aus verschiedenartigen Nationalitäten j zusammengesetzt ist. in der Zukunft in eine! Föderation der Nationalitäten auf Grundlage der I Autonomie umgestalten/*! „Weiter erkennt die Konferenz, daß der Be- I griff ,,Natioir; au<;h auf die Juden anzuwenden sei**. Das hier proklamierte Nationale haben die! „Bundisten" aber mit keinem Inhalt ausgestattet. | Sie hatten überstürzt ein Prinzip aufgestellt, zu dem sie sich theoretisch noch nicht durchgerungen hatten — wofür der beste Beweis der ist, daß sie an diese Resolution den Beschluß knüpften, vorläufig nur die bürgerlichen Rechte für die Juden zu fordern und keine nationale Propaganda | zu treiben. Andererseits stellten sie in Ge- | mäßheit ihrer Resolution die Forderimg auf, daß i sie von jetzt ab in der russischen soziat-! demokratischen Partei als föderativer Teil! gelten sollen. Erst später, als die russ. sozialdemokratische Partei in ihrem Organ .Jskra*' gegen diese Bestrebungen des „Bundes" eine heftige Polemik eröffnete, und als andererseits die Zionisten diesem ganz unklaren Nationalismus auf den Leib rückten, erklärten die,,Bundistenu daß sie unter einer nationalen Autonomie eine autonome jüdische Kultur verstünden und unter dieser besonders die freie Entwicklung und die staatliche Gleichberechtigung der jüdischen Volkssprache (Jargon). | Die russischen Parteigenossen, zumal die | russisch-jüdischen, die nicht einmal einen solchen | Nationalismus aeeeptieren wollten, bekämpften die | .,Bundisteir' auf das Heftigste, indem sie das Uii-! logische dieser sprachlichen Autonomie bewiesen! und die Ünnötigkeit einer föderativ-jüdischen Organisation behaupteten. Die darüber ausgebrochene, mit großer Erbitterung geführte Polemik füllte zu einem großen Teile die „bundistisehe** und russische Parteipresse der letzten Jahre aus und brachte es im Jahre 1903 dazu, daß der „Bund** aus der socialdemokratischen Partei austrat und seither selbständig arbeitet. In ideeller Hinsicht bedeutet dieser Konflikt für den „Bund" eine starke Einbuße, indem sich die vBuudistC]r* immer isolierter fühlen und der Solidaritätsglaube eine Erschütterung erfahren hat. In materieller Hinsicht aber hat dieser Bruch nichts Wesentliches geändert, da die