Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 1 (1905)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1905)
- Article
- Der allgemeine jüdische Arbeiterbund (Bund) in Russland, Polen und Littauen
- Date
- 1905-02-01
- Page
- Seite 9 (sequence 6)
- Language
- German
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— 9 Druckereien im Auslände herstellen und nach 1 Rußland importieren, werden von den „Bundisten" j auch periodische Blätter und Flugschriften her-; ausgegeben. In Rußland selbst werden 2 Blätter j in geheimen Druckereien hergestellt: Der „Band" und die „Arbeiterstimme", beide jüdisch geschrieben. Im Auslande 4 Blätter: „Der Bote des Bundes" und „Letzte Nachrichten" (russisch), „Die Stimme des Bundes" (polnisch) und „Der jüdische Arbeiter" (jüdisch). Was die Einflussphäre des Bundismus betrifft, so ist trotz seiner Aktivität bei weitem der größte Teil des jüdischen Volkes von ihm unberührt geblieben. Die Gründe liegen vor allem im Programmatischen. In Ökonomischer Hinsicht hat der „Bund" Werbekraft nur auf die Arbeiter ausüben können, die 2—3% der gesamtjüdischen Bevölkerung ausmachen. Und in politischer Hinsicht fehlt der Mehrheit des jüdischen Volkes eben jener Glaube, der die eigentliche moralische Kraft und der Ansporn zum Kampfe für die „Bundisten" ist, der Glaube nämlich an die internationale Solidarität der Arbeiter aller Völker und Länder. Die „Bundisten" fühlen sich fest in dieser Ueberzeugung und sind stolz darauf, daß sie ein Glied in der Kette des internationalen Arbeiterstandes bilden, daß sie dadurch allein, daß sie Arbeiter sind, berufen erscheinen, zugleich mit allen Arbeitern, ihren Brüdern, die Weit umzubauen. Der Kosmopolitismus, der stets auf Juden eine unwiderstehliche Wirkung ausübte, hat so auch als eine der Grundlagen der sozialdemokratischen Doktrin bei diesem Teile der jüdischen Arbeiter seine Werbekraft entfaltet. Diejenigen Tendenzen im Leben des jüdischen Volkes aber, die beständig eine Umschichtung in der Lage verschiedener Klassen hervorbringen und den Arbeiter von heute morgen vielleicht als „Peddler" nach den Vereinigten Staaten oder in eine ähnliche Situation werfen, diese Tendenzen sind von einem andern Teil der jüdischen Arbeiter als das eigentliche Kriterium ihrer Proletariersituation erkannt worden und haben sie den Reihen der Zionisten zugeführt (Poalei Zion). Die Bundisten-Arbeiter aber, die die Erschütterungen unbeachtet lassen, die den Boden unter ihren Füßen von Zeit zu Zeit ins Zittern bringen, werfen sich mit großer Bef geisterung aus der Not des Tages den lockenden | Ideen des Sozialismus in 'die Arme und gehen ■ mutig und vertrauensvoll in den vorläufigen! Kampf mit dem russischen Zarismus, der ihnen den Weg zu jeder Befreiung verstellt. Die große Masse des jüdischen Volkes jedoch, die von den „Bundisten" sogenannte „Bourgeoisie", die mit Ausnahme vielleicht von 2—3% besser situierter Industrieller und Händler sich in keiner festen sozialen und ökonomischen Situation befindet, vom Zufall, von der „Luft" lebt, sich und einander im Verzweiflungskampfe um ein miserables Dasein verzehrt, diese große Masse blieb von den sozialistischen Ideen des „Bundismus" unbeeinflußt und konnte deshalb auch keinen aktiven Anteil an den politischen Kämpfen nehmen, die sich allmählich in Russland entwickeln. Es fehlt diesen Massen nicht an oppositionellen Gefühlen gegenüber der russischen Regierung, die eine solch harte judenfeindliche Politik treibt, aber es fehlt das Vertrauen, dass sie aus sich heraus eine Umwälzung herbeiführen können und es fehlt das Bewusstsein, dass sie auf die unbedingte Unterstütsung des russischen Volkes rechnen können, wie es den jüdischen „bundistischen" Arbeitern innewohnt, die den festen Glauben an die künftige Unterstützung seitens der Arbeiter aller in Pussland lebenden Völker hegen. Aus diesen Massen treten einzelne Persönlichkeiten heraus, die ihre geistigen, physischen und materiellen Kräfte der Revolution weihen, sich als „Intelligente" oder Poluintelligente (Halbintellektuelle) denReihen der„bundistischenu Arbeiter angliedern, aber die Gesamtheit bleibt inaktiv, fem vom Kampfe, und wartet instinktiv auf denjenigen Moment, wo das russische Volk sich wirklich in einem für die Juden günstigeren Sinne äussern wird, um dann, wie es in Europa geschah, an die Durchsetzung seiner Wünsche oder Forderungen heranzugehen. Besonders aus den Reihen der studierenden Jugend, der Intelligenz, soweit diese nicht vom Zionismus erfasst ist oder der rein russischen Bewegung sich widmet, rekrutieren sich die geistigen Führer, die Organisatoren und die Inspiratoren der „bundistischenu Bewegung; aus ihren Reihen aber auch ein grosser Teil der Opfer für Gefängnis, Sibirien u. s, w.