Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 1 (1905)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1905)
- Article
- Der allgemeine jüdische Arbeiterbund (Bund) in Russland, Polen und Littauen
- Date
- 1905-02-01
- Page
- Seite 8 (sequence 5)
- Language
- German
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— 8 - verschlimmem oder die errungenen Verbesserungen rückgängig zu machen, sind die Ansprüche der Arbeiter mit aller Energie zu verteidigen." Zu den Errungenschaften des „Bundes" auf dem Gebiete der wirtschaftlichen Organisation der jüdischen Arbeiter gehören auch zwei interlokale Fachvereinigungen (eine Art Trade-Union): die der Borstenarbeiter und die der Gerber. Erstere umfaßte im Jahre 1900 bereits 800 Mitglieder, gleich 60% der Gesamtheit. Fassen wir die mit ungeheuren Opfern, von denen noch die B-ede sein wird, während eines Zeitraumes von 20 Jahren erkämpften Verbesserungen zusammen, so stellen sie zwar eine Erleichterung für eine gewisse Kategorie jüd. Proletarier dar. Gemessen aber an dem grenzenlosen Elend eines jüd. Millionenproletariats, dessen Tiefstand hier zu charakterisieren nicht der Platz ist, bedeutet die ökonomische Tätigkeit des „Bundes" einen Tropfen im Meer. Seiner eigentlichen Natur nach mußte er den wesentlichsten Problemen der jüd. Oekonomie: dem Lumpenproletariat, dem Kleinhändlerproletariat („Luftmenschen"), der Unstetigkeit der Wirtschaftsbedingungen, der Arbeitslosigkeit und der durch sie bedingten Emigrationsnot vieler Hunderttausende rat- und tatenlos gegenüberstehen. Auf alle diese Lebensfragen der ganzen Masse des jüd. Proletariats überläßt der „Bund" die Beantwortung der Zukunft, indem er alles von der politischen Umgestaltung der russischen Verhältnisse erhofft. Der „Bund*6 als revolutionäre Organisation. Die eigentliche Bedeutung des „Bundes" liegt auf dem politischen Gebiete. Die „Bundisten" waren die ersten, die den politischen Kampf in die Arbeiterkreise trugen. Die russische Regierung hatte kaum den wahren Kern der beginnenden jüdischen Arbeiterbewegung erkannt, als sie mit der ganzen Wucht ihrer Macht zu den härtesten Repressalien griff. Im Anfang der 90 er Jahre setzt eine Aera politischer Verfolgungen ein, deren Ausdehnung und deren Härte sich immer mehr steigert. Deportation nach Sibirien, langjährige Kerkerhaft, körperliche Züchtigung, in einzelnen Fällen Zwangsarbeit, sind die Strafen für Strikes, für Verbreitung von Schriften, für Demonstrationen oder Versammlungen, durch die die Reihen der Arbeiter und der Führer gelichtet werden. Über die Art, wie die russische Regierung die Revolution in Rußland unterdrückt, ist man in der letzten Zeit ziemlich informiert. Daß aber den jüngsten so bedeutsamen blutigen Ereignissen jahrzehntelange Verfolgungen vorangehen, in denen Juden die Hauptbeteiligten sind, dürfte vielleicht weniger bekannt sein. Auf etwa 30 000 bis zum Jahre 1904 organisierte jüd. Arbeiter entfallen 4476 Verhaftete und Deportierte. Aus einer Aufstellung der zwischen März 1903 und November 1904 Deportierten ist zu entnehmen, daß die Juden 53,9% der Gesamtzahl ausmachen, während die Russen nur 26,4% stellen. Besonders groß ist der Prozentsatz (64,3) der „Bundistinnen" unter den deportierten Frauen. Diese kolossalen Ziffern sind unter anderem darauf zurückzuführen, daß die Regierung gegen die jüdischen Revolutionäre auch für die kleineren Vergehen ein besonderes Maß der Strenge anwendet. So z. B. werden strikende Arbeiter ohne Gerichtsspruch, rein administrativ, nach Ost-Sibirien auf 3—5 Jahre verschickt. Die Verschickung nach Ost-Sibirien ist eine besonders bei Juden angewendete Straferschwerung, während Christen nach dem etwas wirtlicheren Westen Sibiriens deportiert werden. Aber alle diese Verfolgungen und selbst das Mittel, den Kampf um politische Freiheit durch Organisation barbarischer Judenexzesse niederzudrücken, haben nur den gegenteiligen Erfolg gezeitigt und die Reihen der zu allen Opfern bereiten jüd. Revolutionäre nur vermehrt und gestählt. Immer energischer werden die Mittel des Kampfes, des Protestes und der Propaganda in Anwendung gebracht. Es werden Manifestationen auf den Straßen, in den Theatern und sogar in den Synagogen organisiert. „Politische" Strikes, die jetzt in Rußland so sehr im Vordergrund stehen, wurden schon in früheren Jahren, selbstverständlich in bescheidenem Umfange, versucht. Das Hauptmittel der Propaganda bilden geheime Versammlungen und vor allem Verbreitung von Proklamationen und revolutionären Schriften in der jüdischen Volkssprache. Außer verschiedenen Broschüren, die sie größtenteils in eigenen