Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 5 (1937)
- Issue
- Heft 3-4 (Juni 1937)
- Date
- 1937-06-01
- Page
- – (sequence 57)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Unruhen in Palästina, die wirtschaftliche Ausschaltung in Österreich, Polen, Rumänien, die Spaltung der zionistischen Bewegung, die aktuellen Fragen der Palästina-Politik: es gibt gewiß Tagessorgen genug. Aber wer den Kopf nicht über die Sorgen des Tages und die privaten Nöte des Augenblicks erheben kann, dem wachsen sie über kurz oder lang über den Kopf. Die Geschichte der zionistischen Bewegung ist eine Kette von Niederlagen — und doch von Siegen. Es tut wohl, bei Böhm den Zustand des Jahres 1916 dargestellt zu sehen: Evakuierung und Vernichtung des Judentums in igroßen Gebieten Rußlands, die blutige Tyrannis Djemals in Palästina (1918 waren noch 55 000 Juden im Lande, die Hälfte der Zahl vor 1914); die territorialistische Spaltung, die tödliche Feindschaft der Assimilanten, die Behinderung der zionistischen Arbeit — ein Bild des Zusammenbruchs. Und doch war das bewußte Judentum eine Macht. Die Balfour-Deklaration war kein Geschenk (man möchte wünschen, daß Böhm das schärfer zeigte, gerade heute), so wenig wie die Zusicherungen Englands an Masaryk. Den französischen Assimilanten konnte ihre Regierung Verbeugungen vor dem Zaren und seinen Pogrom-Ministern zumuten; der Zionismus war ein Faktor, mit dem man rechnete. Wer die Geschichte nicht kennt und nicht kennen will, kann nicht die innere Kraft finden, die jede schwere Situation fordert. Die Geschichte des Zionismus von 1916 bis 1936 beweist selbst dem erbittertsten Gegner die Unbesiegbarkeit der Idee. Dem einzelnen Juden kann man seine Existenz, seine Freiheit, sein Leben nehmen; das Volk ist unzerstörbar, und der nationale Gedanke ist unbesiegbar. Die jüdische Bevölkerung im Lande wächst in geometrischer Progression, wenn man die Jahrzehnte vergleicht; der zionistische Gedanke hat sich in der Galuth entscheidend durchgesetzt, und es bleiben nur noch Gefechte mit den schwächlichen Resten einer Ideologie, die die Tatsachen verurteilen. Warum also eine Panikstimmung wegen der Vorfälle in Palästina oder wegen des wirtschaftlichen Niedergangs der mitteleuropäischen Juden? Die bettelarmen Flüchtlinge aus Polen und der Ukraine haben für den Zionismus mehr tun können und getan als früher die Akademiker Deutschlands in ihren gesicherten Stellungen. Mit Recht hebt Böhm neben der Bedeutung Bubers, Bialiks, Achad Haams auch die entscheidende Rolle Trumpeldors (oder besser: der Idee, der er Ausdruck verlieh) hervor: „Der Chaluz darf weder eigene Interessen noch private Neigungen, keine Physiognomie, keine eigenen Gefühle, keinen eigenen Namen haben." Dieses Ideal ist unerreichbar. Aber die eigenen Interessen hinter die Interessen der Gesamtheit zu stellen, sind die Juden hervorragend befähigt, wie die Geschichte zeigt. Sie sind dazu befähigt. Damit sie ihre Fähigkeit ausnützen, ist zweierlei nötig: das Bewußtsein von der Unabwendbarkeit des Sieges und die Gewißheit, daß die Opfer richtig verwandt* werden. Wer sich bemüht, aus den Ereignissen zu lernen, die Böhms Werk in großer Linienführung schildert, wird wissen, daß das jüdische Volk seine Heimat finden und seine ,,Frage" lösen wird; früher oder später; „tausend Jahre sind dem Herrn wie ein Tag". Der Jude ist fähig, bis zum Äußersten Opfer zu bringen für seine Idee. Aber das menschliche Herz ist schwach; es will den Erfolg des Opfers sehen. Das ist ein Problem der Führung. Die Geschichte der zionistischen Bewegung ist auch eine Geschichte der Führung und des Problems der Führung. Man braucht die Bedeutung des Einzelnen nicht zu überschätzen, um die Wichtigkeit der Aktivität an der Spitze zu erkennen. Die, die das Unmögliche wollen, vermögen die Herzen weit besser zum Brennen zu bringen als die Diplomaten. Diplomatische Vernunft ist nötig, um die Früchte des Kampfes zu 138