Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 5 (1937)
- Issue
- Heft 3-4 (Juni 1937)
- Date
- 1937-06-01
- Page
- – (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
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blematik seiner Welt überwunden, wird sie in ihren Elementen erneuert/' (Buber, Rede an den Chaluz,) Jedwede Epoche, besonders eine Epoche der Wende und des Aufbruchs, zeugt sich ihren Träger. In der Ungewissenheit um den Neubeginn, in der Fraglichkeit der Situation, die auf dem Einzelnen und der Gesellschaft lastet;, gibt dieser Typus durch seine persönliche Entscheidung, die der Wesenshaltung seiner historischen Gruppe entspricht, seine Antwort, die Antwort der neu und realgewordenen Gemeinschaft, So ist er Zeugnis der neugeschaffenen Formung eines Volkes, an seinem Sinnbild erkennen wir die Idee der sich vollziehenden Renaissance. Für die Freiheitsbewegung des jüdischen Volkes, deren politisches Symptom der Zionismus ist, hat man diesen symbolischen „Träger" im Chaluz gesehen. Wenn man nach dem Vorkämpfer in dieser Bewegung sucht, nach dem, der hinging, zu verwirklichen, was in seinem und dieser jüdischen Zeitwende Denken gleichzeitig bezeichnend ist für die vorhandene Bindungslosigkeit und den Wunsch nach einer neuen, einzig säkularen Form, einer Sozialform, deren Kennzeichen bis heute noch immer die — es klingt, paradox — geformte Willkür ist, — sein Name ist Chaluz. Die Triebfeder des Ungenügens, die Erkenntnis des Totentanzes einer Welt, der sich in den Vor- und Nachkriegsjahren unhemmbar zu vollziehen schien, rief im jüdischen Osten wie Westen Menschen auf, peitschte sie von innen heraus ans der ungesunden und unproduktiven Sphäre ihres Alltags, entfremdete sie dem sich in radikalen Organisationen utopisch austobenden Verlangen nach dem Umsturz einer alten Welt und ihrer tSozialform, einem Verlangen, dessen blinde Haßparolen ihnen kein positives Weltbild bieten konnten; denn diese Maximen vergaßen, an die Umformung des Menschen zu denken, und beschäftigten sich nur mit dem Umsturz der Verhältnisse. Obwohl idiese Vorläufer" sich nicht ganz der herrschenden mechanistischen und nüchternen Weltauffassung entziehen konnten, vernahmen sie doch das Gebot der Stunde, auszuziehen und in der alten Heimat des jüdischen Volkes ihm ein neues natürliches Leben aufzubauen. Die Welt Rousseaus und Tolstois mit ihrer radikalen Autoritäts- und Tradition«Verneinung mußte diese Menschen anziehen, und der Zionismus, der auch heute noch nicht in seinem realpolitischen Stadium verleugnen kann, daß ihm die geniale Utopie Herzls und die jahrtausendealten Träume eines verbannten Volkes ins Leben halfen, bot diesen „Schwärmern aus Zwang, weil euch das Feste drückt", eine neue Heimat. Erst heute kommt im gesamten Zionismus langsam die Erkenntnis zur Geltung, daß der Ausbruch einer Gruppe aus ihren bisherigen Lebensbedingungen in sich die Kraft zu Neuprägung und Neuformung des geschichtlich im Volk Vorgewußten, des Traditionsgutes bergen muß, wenn er sich nicht verlaufen will. Mit der geistigen Revolution eines Volkes ist der Glaube an seine Sendung, an seinen Aufruf gerade in dieser Zeit und Geschichtssituation unlösbar verbunden. Die Volksgruppe ist stets eine historische Gruppe, sie wird Gemeinschaft kraft ihrer Antwort an die Situation, kraft ihrer Entscheidung, die Synthese und Dialog der bewirkenden (objektiven), aber nicht selber lwvirkenden (und 'gestaltenden (subjektiven') Faktoren dieser Zeit ist. Wie sehen Menschen der chaluzischen Jugend sich selber? Ich will versuchen, an Hand dieser Betrachtungen einen Ausschnitt aus dem Gedankengut einer zionistischen Jugendbewegung zu geben, die eine wichtige Rolle im deutschen Hechaluz spielt und ihre Verwandtschaft mit dem stärkeren Flügel der Histadruth gerne betont. Vor mehr als zehn Jahren kam die Gruppe „Gheruth" des damaligen „Brith Haolim" zur Alijah. Wo standen diese Chawerim damals, wo stehen sie heute? — 121