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Der jüdische Wille · 1937-06-01 · Heft 3-4 (Juni 1937) · page 38

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
5 (1937)
Issue
Heft 3-4 (Juni 1937)
Date
1937-06-01
Page
– (sequence 38)
Language
German
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jüdischen „Kulturellen" wohlwollend mit in Erwägung gezogen werden — niemand hat igegen diese Versündigung am jüdischen Geist stärker gewettert als Bialik —, so müssen wir alle unsere Kräfte aufbieten, um die augenblicklich bei uns herrschenden Organkationsprinzipien umzuwandeln. In welcher Weise dieses zu geschehen hat — es wird durchaus nicht einfach sein, sondern ein politisches Experiment allerersten Ranges bedeuten — habe ich an anderer Stelle ausgeführt. Der Kern dieser Ausführungen besteht darin, daß neben den rein politischen oder verwaltungs politischen Kräften die wirtschaftlichen und die kulturellen oder besser: spirituellen Kräfte absolute Gleichberechtigung genießen sollen. Heute dominiert bei uns das Organisatorisch-Politische. Wie Weiner sehr richtig feststellt (vor ihm z. B. ähnlich J. Sandbank in den Mitteilungsblättern der H. 0. G.), entzieht sich vorläufig der Zionismus dem Kulturproblem durch die Flucht auf eine neutrale Ebene. Genau wie unsere palästinensische Wirtschaft nur durch die entscheidende, d. h. exekutionelle Tat von Wirtschaftlern aus ihrem Chaos befreit werden kann, vermögen wir die Kultur in Palästina nur dadurch von ihrer Aschenputtelrolle zu erlösen, daß den spirituellen Kräften ein entscheidender Einfluß auf alle diese Gebiete, vor allem auf das Gebiet der Erziehung, eingeräumt wird. Weiner stellt die Forderung auf, „die Immanenz des spirituellen Elements im Gesichtsbild unseres Volkes in pädagogisch und wissenschaftlich fruchtbarer Problemstellung auszuwerten". Er meint sehr richtig, daß wir bisher nur ein „Bildungs wissen", kein „Arbeitswissen" hiervon hätten. Daran ist deutlich zu erkennen, daß es sich bei allen diesen Fragen, die auf klare Erkenntnis des Wesens unseres Volkes hinzielen, viel weniger um Probleme der Pädagogik als um das Problem der gesamten Kulturgestaltung handelt. Wir befinden uns mitten im Gebiet der Ethik und damit nach meiner Auffassung auch schon im Gebiete der Metaphysik. Solange sich das Kräftespiel auf diesen Gebieten — und zu den spirituellen Gebieten gehört auch die Kunst — nicht im Gleichgewicht mit dem Kräftespiel auf den nationalmateriellen befindet, kann keine wahre Volkskultur gedeihen. Wir können also nicht abwarten, bis die aufwachsende Generation kraft spirituell-durchsetzter Pädagogik in diesen Bezirken vollendet ausgebildet sein wird, müssen vielmehr schon heute die Forderung mit aller Wucht erheben, daß in allen Fragen der Kultur, also der Theologie, der Ethik und des Rechts, der Erziehung und der Volksbildung die Stimme der spirituell Interessierten in erster Linie gehört wird. Das ist es, was Kastein offenbar meint, wenn er in seinem Roman „Uriel da Costa" sagt: „Wieder ist ein Geschlecht von Marannen herangewachsen, wieder stehen Menschen mit gespaltenem Bewußtsein ihrer Gemeinschaft gegenüber. Diese Marannen sind nicht unter das Joch einer anderen Religion gegangen, sondern unter das Joch der Welt, da wo sie nichts sein will als Freiheit von allem Bindenden und Gebundenen, nichts als Bildung und Humanität und Aufgeklärtheit, nichts als Brüderlichkeit ohne Gefühl für die geistige Herkunft, nichts als Menschheit ohne das untergründige Wissen um die dunkle Schwere des Blutes. Gleich jenen anderen Marannen beginnen sie heute heimzukehren, abgestoßen vom vielfachen Widerstand einer Welt, die nur in einem einzigen Punkte wirklich frei ist: in der hemmungslosen Bejahung ihrer Interessen, ihres Besitzes und ihrer Macht; angezogen von der ureigenen Welt des Herkommens, die schwer und mühevoll um neue Formung ringt. Denn diese ureigene Welt steht nicht mehr in der starren Sicherheit von einst. Sie ist zerklüftet, in Atome gespalten. Einst ging es darum, eine Welt aufzulockern. Jetzt geht es darum, eine Welt zusammenzuschweißen. Denn heute steht vor uns das Ergebnis dieser Auflockerung, das Ergebnis von Aufklärung, Vernunft, Naturalismus, 119

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