Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 5 (1937)
- Issue
- Heft 3-4 (Juni 1937)
- Date
- 1937-06-01
- Page
- – (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
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Aufhebung der Galut. Das Merkmal für den Begriff der jüdischen Geschichte besteht dabei darin, daß es sich nicht um eine Ideengeschichte handelt, sondern um die Geschichte des jüdischen Volkes selbst. Leid und Hoffnungj, Heroismus und Gelehrsamkeit, Sehnsucht *und Beharren. Ein solches Volksschicksal kann nur gläubig begründet werden, denn es lebt aus der Beziehung zu Gott, der die Galut gewollt hat, an deren Aufhebung man glaubt und arbeitet, Arbeiten allein hebt sie nicht auf; die politische Fragestellung nach Galutbejahung oder -Verneinung, die manchmal noch in den Tageskampf hineingeworfen wird, trifft das Problem höchst unvollständig und einseitig. Der hohe Rabbi Low leitet sein Buch über die messianische Erlösung mit der Betrachtung ein, daß das Wesen der Erlösung erst aus ihrem absoluten Gegensatz, der Galut, richtig erkannt werde. Da die Juden eine nationale Einheit bilden, und zwar in weit höherem Maße als die anderen Völker, ist es nötig, daß sie wieder zu einer faktischen Einheit werden (S. 102). Ein gläubiger Sinn muß unser Verständnis für unser Dasein in der Zerstreuung soweit schulen, daß jeder Jude an jedem Orte der Diaspora erkennen soll, daß es eine Macht gibt, die das jüdische Volk über allen kausalgeschichtlichen Zusammenhang erhebt. Damit verlegt Baer die Wurzeln des Galutdaseins in das Bereich irrationaler Kräfte; wir schließen uns ihm an, denn müßte unser Volk aus rationalen Kräften leben, es wäre längst dahingegangen. Zum Problem des Geschichtsunterrichts, Von Bbr. As c hier Meir, Rechowoth. Der Artikel von Bbr. Emanuel Weiner in Heft 6/7 von 1936 „Zum Problem des jüdischen Geschichtsunterrichts" stellt eine grundlegende These auf, die gar nicht genug beachtet werden kann: „Jüdische Geschichte, wie sie sich dem Rückblick auf die Jahrtausende entrollt, ist und bleibt Geist es - geschiente." Es ist hier nicht der Ort, Sinn und Tragweite dieser These ausführlich zu entwickeln, zumal eine methodische Grenzziehung bereits durch Bbr. Jean Schrameck in Heft 8/9 versucht worden ist. Mir ist es vielmehr heute nur darum zu tun, den richtigen Kern dieser These nochmals mit aller Schärfe herauszuheben. In der Formulierung mag Weiner wohl etwas übertrieben haben, so wenn er sagt, daß ein Jude, der ein Jude sein will, sich an jedem Tag seines Lebens und nicht nur dreimal im Jahre vor eine Art von Problemen und Fragen gestellt sieht, die jedes andere Volk nur akzidentiell kennt. Demgegenüber muß man zugeben, daß fast jedes geschichtliche Volk Epochen kennt, in denen es ihm um die Austragung von reinen Geisteskämpfen ging, wo also diese Fragen sich ebenfalls nicht nur akzidentiell" einstellten. Richtig ist jedoch die Auffassung von Weiner, daß „das geschichtliche Judentum, dessen Erben wir sind, ein kontinuierlicher Prozeß geistiger Auseinandersetzung gewesen ist"; ferner daß sein Geschichtsbild aus Elementen struktuiert ist, deren „zentrales und vitales das Element des metaphysischen Daseinsgrundes ist". Schließlich ist auch das Resultat, zu dem Weiner gelangt, unanfechtbar, wonach eine „evolution creatrice", d. h. eine schöpferische (nicht nur r e produktive) Kultur, erst dann beginnen wird, wenn wir die Kontinuität unserer geschichtlichen Kräfte klar erkannt haben werden. Es geht also hier wirklich um Sein oder Nichtsein. Da nun unsere öffentlichen Angelegenheiten einschließlich der Erziehungsfragen von jüdischen Politikern verwaltet werden, wobei die 118