Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 5 (1937)
- Issue
- Heft 3-4 (Juni 1937)
- Date
- 1937-06-01
- Page
- – (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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nicht billigt. Sie sollen nicht zum Anhören öffentlicher Bekehrungspredigten von Christen und Conversos gezwungen, sondern nur in der Stille von Gelehrten unterwiesen werden." Trotzdem erklärt die Stacht Toledo die Conversos für unfähig, öffentliche Ämter zu bekleiden, trotzdem werden weiter Zwangsmaßnahmen zur Bekehrung ergriffen, so -daß sich der vorerwähnte Papst Nikolaus V. einzugreifen veranlaßt sieht. Der Papst erklärt auf die Beschwerde sämtlicher in Spanien wohnenden Juden, welche darüber klagten, daß hie und dia Christen, hauptsächlich infolge von Aufreizungen der Ordensgeistlfchen an christlichen Festen, besonders in der Karwoche, gewaltsam in die Häuser der Juden eingedrungen seien, ihre Synagogen zerstört oder weggenommen und in christliche Gotteshäuser verwandelt, ferner gegen das Verbot der Päpste gewaltsame Taufen vorgenommen ihätten, es sei Aufgabe der christlichen Religion, die Juden in der Ausübung ihrer Religion zu schützen, weil diese nach .göttlichem Ratschluß zum Zeugnis für den wahren Glauben erhalten bleiben sollen. Einige maßten sich an, fälschlich zu behaupten, daß die Juden ihre Feste nicht ohne Leben oder Herz eines Christen feiern könnten. Der Papst treffe daher die Bestimmung, daß es allen Christen, Geistlichen und Laien, selbst ErzbischÖfen, Bischöfen oder sonstigen kirchlichen oder weltlichen Würdenträgern verboten sei, öffentlich oder geheim gegen die Juden aufzureizen oder sie an der Feier ihrer Sabbate und Feste und an der Beobachtung ihrer Riten und Zeremonien zu hindern. (S. 314 f.) »' Lassen wir die hochinteressanten Einzelheiten der Inquisitionsakten und die Welt, in die sie uns führen. Nehmen wir das Buch als Ganzes, die Kultur als einheitlichen Eindruck, so kann man abschließend sagen: es ist Galut, nehmt alles nur in allem. Judenschicksal, Auf- und Abstieg einzelner, Unsicherheit im allgemeinen. Der Jude als Streitobjekt zwischen Kirche und Staat und Staat und Stadt bis zu dem Moment, wo er überflüssig wird und man sich ohne ihn besser zu behaupten glaubt. Dann wird die Galut erst recht offenkundig. Selbst wenn der Sultan Bajazet, der den Juden gern eine Heimstätte in der Türkei eröffnete, das Vorgehen gegen derart gebildete, kultivierte und beziehungsreiche Mitglieder des Staatslebens nicht verstehen konnte und es entsprechend beurteilte, verharrte Spanien im judenfreien Zustand, bis vor wenigen Jahrzehnten langsam wieder jüdische Siedlungen entstanden, vor deren Todesurteil wir täglich stehen können. Wie wir fortschreitend von einem Ausschnitt aus den Gesamtaspekt der Galut betrachteten, dringt auch der Verfasser des eben behandelten Werkes von dieser Einzelentwicklung einer Judenkolonie innerhalb der Galut zu der Betrachtung von Sinn und Wesen der Galut selbst vor und legt uns in einem weiteren Buch diese Gedanken dar. (Jizehak Fritz Baer, Galut. Bücherei des Schocken-Verlags, Berlin, Nr. 61). Wir sind uns darüber einig, daß dieses Bändchen zu den Erscheinungen innerhalb der seit 1933 über uns ergangenen Schreibflut gehört, die wir auf keinen Fall missen möchten. Es enthält mehr, als manches Kompendium zur jüdischen Geschichtsphilosophie enthalten kann, und lehrt diese Grundlinien in ansprechend prägnanter Form. Die Galut als Grunderscheinung der jüdischen Geschichte wird in ihren tragenden Ideen seit den Zeiten der hellenistischen Diaspora bis an die Schwelle der Neuzeit in großem Umriß dargestellt. Dabei handelt es sich, was die Authentizität erhöht, um das eigene Urteil unserer Vorfahren über das Problem der Galut als Ganzes wie über ihre Teilerscheinungen. Wiewohl die Galutfrage während des Mittelalters zu einem religionsgeschichtlichen Problem geworden ist, kann es heute nicht als ein solches um seiner selbst willen bestehend'es behandelt werden, sondern man muß, wie es hier geschieht, die ganz realen Lebensfragen der jüdischen Geschichte ins Auge fassen, bie Fragen nach den Ursachen, der Fortdauer und der 117