Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 5 (1937)
- Issue
- Heft 3-4 (Juni 1937)
- Date
- 1937-06-01
- Page
- – (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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Seins doch nichts bedeuten gegen die Überzahl jener Saecula, die Galut und „Collis" gleichsetzten und in denen man über den Gegensatz von innerem und äußerem Glück, nur theoretische Abhandlungen schrieb, die Wirklichkeit aber beide vermissen ließ. Was von der jüdischen Geschichte im maurischen Spanien, unter der Regierung weltoffener, wissenschaftsfreudiger und humaner Kalifen gilt, nämlich das Bestehen der Galuthgesinnung, muß notgedrungen, fast könnte man einen Schluß „Kai wachomer", vom Leichteren auf das Schwerere, ziehen, für die Geschichte der Juden in Spanien unter der Regierurig kirchlich und staatspolitisch fanatischer christlicher Majestäten gelten. Man hat früher über diese Zeit und die genaue Darstellung der Vorgänge, die zu der Katastrophe von 1492 führten, fast gar nichts gehört. Die Religionsschulweisheit lehrte die großen Dichter und Denker aus der arabischen Epoche, leitet« vielleicht mit einem Satz über und stand relativ bald an der Schwelle des Jahres 1492. Wie ungenügend wurde dabei etwa die Gleichzeitigkeit judenfeindlicher Bestrebungen der späteren Araberherrschaft der Almohaden mit dem von Norden vordringenden immer judenfeindlichen Christentum mittelalterlicher und dazu noch spanischer Prägung erörtert, wiewohl sie keine beträchtliche Unterscheidung der Methoden mit sich brachte. Scheinmohammedaner hat es auch gegeben, aber häufiger waren Verweisungen oder Flucht, nur muß man wissen, wer zum Wanderstab zwang. So geht schon die arabische Epoche düster zu Ende. Der Übergang zur christlichen, der nicht überall gleichzeitig erfolgte, war kein übermäßig krasser, bis dann in dem Moment, der ganz Spanien in christlichen Händen sah, der Gott der Christen ein christliches Spanien sehen sollte, — im Plan ohne Juden.. Über dieses bedeutsame und überaus traurige Kapitel in unserer Geschichte hat erstmals der außerordentlich verdiente Historiker Fritz B a e r in einer Weise gearbeitet, die es ermöglicht, den Vorhang über diese verschlossene Zeit zu lüften und die Archivmaterialien sprechen zu lassen. Das Ergebnis ist der Mühe wert. Vor etwa sieben Jahren erschien der erste Teil des Werkes „Die Juden im christlichen Spanien", der zweite liegt jetzt vor. (Föritz Baer, Die Juden im christlichen Spanien, 1. Teil: Urkunden und Regeisten. 2. Band: Kastilien/Inquisitionsakten. XVI und 596 Seiten Großoktav. Schocken-Verlag, Berlin.) An Hand vieler und vielseitiger Aktenstücke und eines reichhaltigen Regestenwerks leben wir nochmals den bedauernswerten Prozeß mit, der uns von einer Judenheit berichtet, die den Gipfel geistiger und materieller Kultur erreicht hatte und es doch erfahren mußte, daß sie in kurzer Zeit zermürbt und aus dem Land, an dessen Größe und Weltgeltung sie in erheblichem Maß beteiligt war, vertrieben wurde. Erst durch Baer ist diese Periode der jüdischen Geschichte Gegenstand einer ernsten Forschung geworden. Schon jetzt entrollt das Quellenwerk ein Gemälde aus lauter düsteren Farben, doch wird die Tragödie selbst aus einer hoffentlich bald zu erwartenden zusammenhängenden Darstellung noch deutlicher ersichtbar werden. Baer hat die Arbeit aufgenommen, hat während mehrerer Reisen, die er in den Nachkriegsjahren nach Spanien unternahm, die Archive systematisch studiert, das reiche auf die behandelte Epoche bezügliche Material gesammelt und das Wesentliche daraus in seinem Werk übersichtlich zusammengestellt. Der erste Band enthält das Material aus Aragonien und Navarra, der zweite uns vorliegende Band das aus Kastilien und die Akten der Inquisitionspro;Zesse. Die Urkunden sind im lateinischen, spanischen und hebräischen Originaltext wiedergegeben, die Angaben des Autors über den Inhalt sind jedoch in deutscher Sprache verfaßt. Somit ist die Brauchbarkeit des Bandes, der aber deshalb noch nicht jedem Laienleser empfohlen werden kann, nicht auf eine allzu enge Schicht 114