Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 5 (1937)
- Issue
- Heft 3-4 (Juni 1937)
- Date
- 1937-06-01
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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iL In Prag besteht seit etwa 2 Jahren eine zionistische Volkshochschule, deren Unterrichtsgegenstand s*ich unter der bewährten Leitung von Prof. Goldelman bereits so erweitert hat, daß das Wort „zionistisch" unlängst erfreulicherweise durch das umfassendere Wort „jüdisch" ersetzt werden konnte, ohne daß man damit den Charakter dieser neuen „Jüdischen Volkshochschule" als einer zionistischen Lehrinstitution hätte preiszugeben brauchen. Gewähr für eine pädagogisch fruchtbare Arbeit und eine wirklichkeitsnahe und undogmatische Behandlung der wichtigsten Tatsachen und Probleme des jüdischen Lebens bieten die Lehrkräfte, unter denen wir die Namen von Max Brod, Alexander Granowski und Felix Weltsch finden. Die Vorlesungen, denen ein Fernunterricht angeschlossen ist, bestehen aus drei großen Zyklen mit dem Titel: „Nationalproblem und das Judentum", „Zionismus" und „Palästina und das Aufbauwerk". Ein solches pädagogisches Unternehmen verdient die Dankbarkeit und Achtung aller, die echtes Pioniertum und ehrliche Arbeit zu würdigen wissen. III. In seiner auch als Einzelstudie erschienenen Vorlesung „Jüdische Galuthwirtschaft"*) bemüht sich Prof. Goldelman, dem Hörer und Leser Voraussetzungen und Bedingungen darzustellen, unter denen allein sich die Juden in der Diaspora wirtschaftlich betätigen konnten und denen sie, nach der geschichtlichen Erfahrung zu urteilen, auch in berechenbarer Zukunft unterworfen sein werden. Der Verfasser benutzt das von ihm gebotene Material historischer Tatsachen und statistischer Belege, um uns die aus unserer Geschichte bekannte Erscheinung wirtschaftlicher Einschaltung in das Wirtsvolk, kurzer Blüte und darauffolgender Zurückdrängung und Ausschaltung aus den im allgemeinen Wirtschaftsleben innegehabten Positionen vor Augen zu führen. Goldelman nennt diese für die jüdische Wirtschaftsgeschichte charakteristische Regelmäßigkeit „Gesetz der umgekehrten Abhängigkeit", da der Ausschaltung der Juden die Besetzung der entsprechenden Wirtschaftszweige durch das Wirtsvolk parallel geht. Am Beispiel des jüdischen Palästina und der dem Aufbau von Erez Israel zugrundeliegenden zionistischen Idee, auf eigenem Boden ein gesundes Volk mit normaler Berufsstruktur zu schaffen, zeigt der Autor abschließend, warum dieses „Gesetz" des Galuthlebens und der Galuthwirtschaft an den Toren des Landes seine Wirksamkeit verliert. IV. Die thematische Durcharbeitung des Stoffes ist als gelungen zu bezeichnen. Dagegen liegen einige vermeidbare Mängel vor, durch deren Beseitigung der Lehrwert der Studie erhöht werden könnte. Diese Unebenheiten betreffen vier Gruppen: (1.) Begriffliche Ungenauigkeiten, (2.) Anfechtbare Punkte der Darlegung im allgemeinen, (3.) Methodisches und (4.) Fragen der Statistik. Ad 1: a) Es gibt zwar ein Gesetz der großen Zahl, aber kein „massenßoziologisches Gesetz". Der vom Verfasser richtig dargelegte Sachverhalt betrifft das Gesetz der sozialen Solidarität, das eine allgemein-soziologische Kategorie ist und aus der Lehre vom sozialen Verband stammt. b) Der vom Autor wiederholt gebrauchte Ausdruck „Dynamik der Wirtschaftsstruktur" ist sprachlich wenig glücklich und sollte durch den Terminus „Trend" ersetzt werden. c) Einen „Nachfragenmarkt" gibt es nicht (p. 44). Der Begriff „Markt" ist der Oberbegriff und leitet sich aus den Begriffen des Preises ab. Der Begriff des Preises wird aus dem Tatbestand von „Angebot und Nachfrage" gewonnen. Der „Markt" ist also eine Resultante im Parallelogramm der Kräfte. *) Prag 1936 Zyklus VII der jüdischen Volkshochschule Prag. 107