Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 5 (1937)
- Issue
- Heft 3-4 (Juni 1937)
- Date
- 1937-06-01
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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forcierte Annäherungspolitik auslöschen zu wollen. Man kann ein Volk durch Aufklärungs- und Fortschrittspropaganda zwar sehr leicht kulturell entwurzeln — die Geschichte unseres eigenen Volkes ist das grauenhafteste Beispiel dafür — aber man macht es dadurch nicht zu einem modernen Kulturvolk, Kultur wächst; Zivilisation kann man machen. Die Verständigung zwischen Juden und Arabern ist ein Kulturproblem, keine Zivilisationsaufgabe. Wer da glaubt, die Lösung durch Wirtschaftspolitik herbeiführen zu können, der verkennt die Situation. Alle wirtschaftlichen Maßnahmen können zivilisatorische Hilfen sein. Aber das wirkliche Problem beginnt erst, wenn diese Hilfen ihre Aufgabe erfüllt haben. Und ob dieses Problem überhaupt jemals lösbar ist, ob zwischen der Kultur des Islam und der Kultur des Judentums jemals ein Ausgleich gefunden werden kann, der das friedliche Zusammenleben von Juden und Arabern in einem Staate gewährleistet, das ist eine Frage, die man sich zwar stellen, die aber heute kein Mensch beantworten kann. Darum aber handelt es sich jetzt auch nicht. Sondern jetzt geht es nur um den modus vivendi, um das schiedlich-friedliche Nebeneinanderleben, nicht um das Miteinanderleben. Auch das ist eine Aufgabe, die nicht leicht zu bewältigen ist. Aber sie ist lösbar. Und es ist notwendig, daß von jüdischer Seite alles Erdenkliche zur Lösung beigetragen wird. Sonst löst die englische Politik ihr Palästinaproblem, und zwar nur ihr Palästinaproblem, nach dem bewährten Grundsatz „Divide et impera". Wir können diese Losung, die uns höchst unerwünscht sein muß, vermeiden. Aber nicht, indem wir zum Beweise unseres „goodwiH" mit allzuleichter Hand Vonschläge skizzieren, die auf den allerersten Blick durch effektvolle Linienführung bestechen, sondern indem wir dem in gründlicher Arbeit nach monatelangem Studium entstandenen Bericht der Königlichen Kommission Gegenvorschläge entgegenstellen, die noch gründlicher durchdacht und noch zwingender formuliert sind. Jüdische Galuthwirtschaft Von Bbr, Emanuel Wein er - London. I. Wenn einmal der jüdische Chronist die Geschichte seines Volkes in dieser Zeit schreiben wird, so wird er in einem besonderen Kapitel die geistige Entwicklung des Teiles des Diasporajudentums darzustellen haben, der, im geographischen Dreieck Wien—Prag—Berlin lebend, von je eine spezifische geistige Note aufwies. Der Chronist wird dann zu dem Ergebnis kommen, daß auch in diesen Tagen jene charakteristische geistige Tradition des mitteleuropäischen Judentums, wenn auch erheblich geschwächt, doch lebensstark genug war, um Verfallserscheinungen zu überwinden, im eigenen Bezirk zukunftsweisend zu wirken und das Kulturleben des jungen Palästina durch nicht zu bezweifelnde Werte zu ibereichern. Wollen wir uns auch in diesen Stunden bemühen, zu vermeiden, was man als einen Verlust der Maßstäbe bezeichnen könnte, und uns befleißigen, wie einst in früheren Tagen so auch jetzt die höchsten Anforderungen an uns zu stellen, so ist unsere erste Pflicht rückhaltlose Offenheit und die Frage nach dem besten Weg zur Leistungssteigerung. Diese Pflicht zu erkennen, ist Aufgabe aller der Menschen unter uns, die an die moralische Sendung einer öffentlichen Meinung im jüdischen Leben glauben. 106