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Der jüdische Wille · 1937-06-01 · Heft 3-4 (Juni 1937) · page 20

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
5 (1937)
Issue
Heft 3-4 (Juni 1937)
Date
1937-06-01
Page
– (sequence 20)
Language
German
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Wanderung nach Maßgabe der Aufnahmefähigkeit des Landes" ist, dann die Tatsache, daß die Wirtschaftslage Palästinas um so schlechter und die Aufnahmefähigkeit des Landes um so geringer ist, je weniger Juden einwandern. Die zionistische Politik hat es bisher verabsäumt, diese Tatsache der englischen Regierung und der englischen öffentlichen Meinung mit der genügenden Deutlichkeit vor Augen zu führen. Allerdings hat sie bisher auch noch nie so umfangreiches Tatsachenmaterial in der Hand gehabt wie jetzt. Und gerade derjenige, der da weiß, daß Völker- und staatsrechtliche Formeln ihr politisches Gewicht erst durch den Tatsachengehalt erlangen, welchen sie umschließen, der wird bei der politischen Vorbereitung der neuen Verfassung Palästinas auf die Geltendmachung dieser Tatsachen keinen geringeren Wert legen als auf die sorgfältige Ausarbeitung der künftigen Rechtsordnung. Daß diese neue Rechtsordnung vom zionistischen Standpunkt aus weder auf die Kantonalisierung noch auf die Dreiteilung des Landes unter Schaffung eines jüdischen Zwergdominions hinauslaufen darf, ist bei genauer Prüfung aller Umstände unbestreitbar. Was gegen die Kantonalisierung spricht, ist schon zur Genüge erörtert worden. Das Projekt der Dreiteilung Palästinas unter Schaffung eines jüdischen Dominions dagegen hat unzweifelhaft mancherlei Lockungen, zumal für jeden, der —'- ,wie ich selbst — einen Zionismus ohne Judenstaat für ein ideologisches Hirngespinst hält. Für eine Politik, welche dem Dominion-Vorschlag zustimmt, sprechen mancherlei Erwägungen. Ein solches Dominion wäre ein de jure selbständiger Judenstaat, der sich selbst seine Verfassung und seine Gesetze gäbe und dessen Existenz durch den Völkerbund garantiert wäre. Dieser Staat könnte die Einwanderung von Juden so gestalten, wie er es für richtig hielte, und brauchte niemanden um Erlaubnis zu, fragen, ob et. jährlich 100 000 oder 300 000 Juden in sein Territorium hineinlassen wollte. Gerade mit Rücksicht darauf, daß der Sinn des Zionismus die Lösung der Judenfrage ist, löste die Schaffung eines solchen Staates für den zionistischen Politiker einen großen Reiz. Dieser Staat wäre imstande, sein politisches, kulturelles, wirtschaftliches und gesellschaftliches Leben so zu gestalten, wie es seinen Idealen und wie es der jüdischen Tradition entspräche. Kurz, er wäre, wenn auch in kleinem Maßstabe, die Erfüllung des Judenstaatstraumes. Nur, daß jeder seiner Einwohner einen anderen Judenstaatstraum geträumt hätte und daß deshalb die Voraussetzung der politischen Existenz dieses wie eines jeden Staates, nämlich die Möglichkeit politischer Willensbildung auf Grund gemeinsamen Volkserlebnisses und Staatsbewußtseins, nicht vorhanden wäre. Denn die große Mehrheit der Bürger dieses Staates wären Einwanderer, Menschen der Golah, in denen die Erlebnisse der Golah, die Ideologien der Golah — und jeder stammte %aus einem anderen geographischen und sozialen Bereich der Golah — lebendig wären. Diese Menschen stünden einem Jischuw gegenüber, dessen seelische Struktur schon durch das Leben in Erez Israel gewandelt, aber noch keineswegs — dazu ist auch dieser Jischuw noch zu kurze Zeit im Lande — verwandelt und zu der Einheit eines neuen Volkstums verbunden wäre. Dieser Jischuw wäre deswegen und infolge seiner beträchtlichen zahlenmäßigen Unterlegenheit gar nicht imstande, die Masse der Einwandernden zu führen und zu formen. Die Möglichkeit, daß sich aus den isolierten Individuen, welche aus der Golah ins Land kommen, eine Volksgemeinschaft gestaltet, diese Möglichkeit wäre in dem jüdischen Zwergdominion, das die Last nicht nur seiner wirtschaftlichen Selbstbehauptung unter schwierigsten Bedingungen, sondern auch die Last seiner politischen und geistigen Gestaltung zu tragen hätte, unter gar keinen Umständen gegeben. 101

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