Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 5 (1937)
- Issue
- Heft 3-4 (Juni 1937)
- Date
- 1937-06-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Pendel der Entscheidungen Unser Weg durch die Stationen der Entwicklung des englischen Geisteslebens ist zu Ende. Wir fassen noch einmal die Ergebnisse zusammen und versuchen, sie in ihrer Bedeutung zu würdigen. Die Betrachtung der politischen Entwicklung des britischen Imperiums gab uns zwei entscheidende Gesichtspunkte, Der erste war die Betonung der Seeherrschaft, Sie gehört zu den Heiligtümern des Empire als Mittel zur Macht und als Schutz des weiten Reiches, Sie ist so im Vordergrund, daß ihr eine traditionelle Schwäche des Landheers entspricht. Außer den Schotten, die noch Cromwells Glauben und Kämpfertum in sich tragen, hat Groß- Britannien verhältnismäßig wenige Soldaten ersten Ranges zur Verfügung. Wir haben es jüngst in Palästina erfahren, der Burenkrieg brachte es gleichfalls an den Tag. Aber diese Tatsache hinderte bisher noch nie den endgültigen Erfolg. Der zweite Gesichtspunkt war die englische Politik als Gleichgewichtspolitik, die durch diplomatische Meisterschaft sich immer wieder freie Hand zurückeroberte. Der Blick in die englische Geistesgeschichte zeigte die Kräfte dieser Politik, die eigenartige Verbindung von sieghaftem Wikingertum und illusionsloser Weltmüdigkeit, Wirtschaftsgesinnung und romantischer Blütenduft entstammen demselben Boden, brutaler Wagemut und bedenkenvolles Zaudern schöpfen aus den gleichen Quellen. Gesunder Menschenverstand, Traditionsverbundenheit, Phantastik ergänzen sich, zukunftsmutige Jungenhaftigkeit und altersmäßige Rechenkunst. Die englische Politik ist zwiegesichtig, in ihren äußeren Formen und in ihren inneren Triebkräften. Aber e i n Haupt trägt das Zwiegesicht wie bei dem Ursprungsgotte, der zum Symbol des Weltreichs geworden ist. Wir haben uns mit einem Minimum an Wissensdaten begnügt, das unerschöpflich ergänzt werden müßte. Aber das Wenige genügt, um zu erkennen: Einen einheitlichen Geist der englischen Politik gibt es selbstverständlich nicht. Aber im Bereich der Möglichkeiten läßt sich eine bestimmte Schwingungsbreite abmessen, innerhalb deren das Pendel der britischen Entscheidungen schwingt. In die einzelnen Veranlassungen konkreter Maßnahmen kann man nicht schauen, aber ihre Richtung und ihre Gegenkräfte lassen sich beurteilen. Die englische Politik ist also zwar keine abstrakte Konstruktion, aber noch weniger braucht man nach den bisherigen Erfahrungen ihren lebensvollen Organismus verzweifelnd als unberechenbar und sinnlos zu bezeichnen. Vor dem XX. Zionistenkongreß Von Bbr. Hans Cape 11 Die Vorbereitungen zum XX. Zionistenkongreß haben begonnen. Die zionistischen Parteien rüsten sich in Palästina und in den Ländern der großen jüdischen Massensiedlungen für die Kongreßwahlen, die in diesem Jahre ihr Gepräge durch die Gerüchte über die zukünftige Gestaltung Palästinas erhalten werden. Es mag sein, daß der Bericht der Royal Commission aioch vor /dem Kongreß vorliegt und auch dann in den innerzionistischen Auseinandersetzungen eine entscheidende Rolle spielen wird« Soweit man den Stand der zionistischen Diskussion um die Frage der Zukunft Palästinas übersehen kann, ist überall die Überzeugung anzutreffen, daß, wie auch immer die Entscheidung ausfallen wird, das, was die englische 92