Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 5 (1937)
- Issue
- Heft 3-4 (Juni 1937)
- Date
- 1937-06-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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die Hervorhebung des Gesichtspunktes der Erziehung zur Selbständigkeit; freiwillig sollen die selbständigen Glieder über ihre Zugehörigkeit zum Reich entscheiden, Von hier können wir begreifen, welche Bedeutung z. B. in Palästina das Legislative Council für englisches Empfinden hat, wie überhaupt das Mandatssystem einer Seite des britischen Wesens anspricht. Absicht und Erfolg klaffen oft auseinander. Die Politik der Schwäche und der Reichsauflösung, die beabsichtigt war, wirkt sich in hervorragendem Maße reichserhaltend aus. Denn der Koloß der British Empire ist allein durch Machtmittel nicht mehr zu halten, wohl aber durch Freiwilligkeit der für eine vorsichtige Erziehungspolitik und Interessenbeteiligung empfänglichen Glieder des Reiches. The white man's bürden Das Gegenspiel des Manchestertums ist der Imperialismus als bewüßtes System. Seine Vertreter tragen die klingendsten Namen der britischen Nation, Carlyle ist sein Prophet, Disraeli sein blendendster Staatsmann, Cecil Rhodes sein wirksamster Vollstrecker. Sein Typ hat John Bull sein bekanntestes Charakteristikum gegeben, „halb Börsenjobber, halb Raubritter" hat man ihn genannt. Seine Triebkraft ist der Glaube an die britische Mission der Umgestaltung der Welt zu Gottes Ruhm und ihrem eigenen Besten, Diese Kraft, die die englischen Seehelden und Handelspioniere stets beflügelt hat, wurde zum bewußten Prinzip, Der von der Vorsehung bestimmte Brite, der im Besitze der eigenen Freiheit das allein menschenwürdige Dasein führt, muß „die Bürde des weißen Mannes" auf sich nehmen, die ihm seine völkerbeglückende Mission auferlegt. Die Welt wird zum Gegenstand der Pflichterfüllung, sie ist das Saatfeld, dessen Frucht der Engländer einbringen muß. Der eigene Vorteil soll dabei keine Rolle spielen, die Sache, die Nation steht über dem einzelnen, die Tatsache des Besserseins verpflichtet. Gleich ob dieser Imperialismus mehr das Angelsachsentum selbst betont oder mehr die Zukunftsvision eines riesigen, freien und befriedeten Weltreichs, geadelt durch die Meinung, mit eigenen Opfern den Boden einer besseren Zukunft zu düngen. „Nehmt auf euch die Bürde des weißen Mannes, schickt eure Söhne in die Verbannung, um eurer Gefangenen Not zu dienen! Wacht über verworrenes, wildes Volk — halb Teufel und halb Kind! Baut die Häfen, in die ihr nicht einfahren, die Wege, die ihr nicht betreten werdet, baut sie mit euren Leibern und bezeichnet sie mit euren Toten!" Aus diesem Geist läßt sich viel -gerade der britischen Orientpolitik erklären. Freilich darf man nicht vergessen, daß es nur eine Komponente des „englischen Geistes" ist« Der Heroismus hat sich auch wirtschaftlich in den meisten Fällen gelohnt, und dies ist der Grund, warum ihm in der Welt so oft mißtraut wird und man von englischem Cant spricht. Aber dieser Geist kann sich wiederum auch als eine positive Kraft darstellen, durch Demut und religiöse Haltung gemildert, so daß man Disraelis Urteil gelten lassen mag, er gehöre zu jenen Kulturbestrebungen, welche „Nationen groß piachen und allein den Menschen vom Tier unterscheiden". Die großen Staatsmänner des Imperialismus schöpfen aus dem gleichen Born wie ihre Widersacher, Disraeli las täglich die Bibel, und Gladstone las täglich die Bibel, so tat Balfour, und so taten die meisten. 91