Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 5 (1937)
- Issue
- Heft 3-4 (Juni 1937)
- Date
- 1937-06-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Materialismus über, der das Streben nach dem Glück möglichst vieler als höchste Forderung aufstellte. Diese sogenannte ultilitaristische Richtung war lange in der englischen Philosophie herrschend. Sie wurde von hervorragender praktischer Bedeutung, als sie in die Wirtschaftswissenschaft überging. Deren Ziel wurde die systematische Lösung der Aufgabe, ein möglichst hohes Einkommen für den Einzelnen und das ,Gesamtvolk zu erreichen. Die irrationalen Ideale des Mittelalters. und ihre Umformungen in der Neuzeit wurden so in England aufs stärkste durch die Ausbildung eines kühl rechnenden praktischen Geistes ersetzt. Vom eifernden Reformator zum britischen Kaufmann führt so ein gerader Weg. Die politische Befreiung bedeutete die Ablehnung der mittelalterlichen Unterordnung. Der Kampf Cromwells ging auch um die Erreichung der Volkssouveränität. „Wir fechten für unsere bürgerlichen Rechte als Männer und für unsere religiöse Freiheit als Christen. Bis diese erkämpft sind, kann es keinen Frieden geben." Das Gewissen muß frei sein. Die Konsequenz dieser Gedanken führte zur Ablehnung des Staates. Praktisch, wirkte sie sich - aus in der Gründung der nach Amerika auswandernden Quäkergemeinschaft und in dem sogenannten Manchestergeistf der die Erfordernisse der Wirtschaft gegenüber dem Staat verabsolutiert. In enger Verbindung mit diesen Tendenzen stand die Entwicklung der Naturwissenschaft und des kausalen Denkens, die im englischen Boden ihre entscheidenden Wegbereiter . fänden. Gegengewichte Befreiungen tragen die Gefahr der Entartung, des Zügelloswerdens in sich. Es bedarf starker Gegengewichte, um sie nicht nach der Zeit des Austobens ins andere Extrem umschlagen zu lassen. England blieb vor der Einseitigkeit bewahrt, ihm brachte die Reformation auch eine neue Welt der Bindungen. Es durfte zween Herren dienen. Die erste positive Auswirkung der Reformation war eine Vertiefung des religiösen Interesses. Die Auffassung des Erdenlebens als Bewährungsplatz für das Jenseits weckte die religiösen Energien. In der von Calvin geschaffenen Form der Praedestinationslehre trieb sie das Verantwortungsgefühl bis zum Fanatismus, denn durch immer erneutes Gelingen des sittlichen Einsatzes wollte sich ein jeder selbst beweisen, daß er zum Eingang in die Seligkeit vorbestimmt (praedestiniert) sei. Die religiöse Individualität einte sich so mit einem starren Bibelglauben. Die Welt , der Bibel, welche ja durch die Reformation nicht angetastet, nur des späteren Beiwerks entkleidet war, griff bestimmend in alle Gebiete des Lebens ein. Der christliche Anspruch wurde total und kam so dem alttestamentlicben Ideal nahe. Arbeit, Schweigen, Festigkeit im Großen, Familiensinn, Verpflichtung des Besitzenden wurden Maximein, die sich in den einzelnen puritanischen Stufen der Presbyterianer, Independentea und vor allem der Quäker entwickelten. Ihnen folgten in immer neuem Beginn die Methodisten, die Heilsarmee, die Schottische Freikirche. Ihnen verwandt ist die katholisierende Oxfordbewegung und die sozialen und aesthetischen Bestrebungen auch in der Hochkirche. Nationale und sozialpolitische Disziplin Die besondere Form der religiösen Vertiefung führte zu einer ausgeprägten Disziplinierung ihrer Träger. Neben der sexuellen, die zu einer freieren und zugleich verpflichtenden Stellung der Frau und »damit zu einem Hochstand der Familie führte, sind eis vor allem die nationale und sozialpolitische Disziplinierung, die den festen Grund für das Gedeihen des Volkes legten. Noch zu Elisabeths Zeiten blieb England an nationalem Elan weit hinter den Festlandsmächten zurück. Mit Cromwell zieht erst kämpferischer 89