Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 5 (1937)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- – (sequence 54)
- Language
- German
- Belongs to
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trifft, ist so sparsam in der Beigabc es für jeden gebildeten Juden leicht des wissenschaftlichen Ballastes, daß lesbar ist. Alfred Philipp. Erncst Renan: Paulus. Sein Leben und seine Mission S. Fischer-Verlag. Berlin 1935. 1.—4. Tausend. Ich muß gestehen: Als mir dies Buch mit seinen über 450 Seiten zur Besprechung übergeben wurde, empfand ich einen leisen Schrecken. Aber je mehr ich mich durch das Buch hindurcharbeitete, desto -dankbarer wurde ich dafür, daß ich durch Rezensentenpflicht zu diesem Werk hingeführt worden bin. Mag sich auch Wert und Bedeutung dieses Buches erst dem ganz erschließen, der so souverän wie Renan in den neutestamentlichen Quellen und in der weitschichtigen, parallel laufenden griechischen und römischen Literatur zu Hause ist: auch der, der außerhalb dieser Studien steht, wird gefesselt von dem lebendigen Bilde, das Renan, der berühmte Verfasser des Leben Üesu, in glänzender Zusammenschau und feinfühliger Charakteristik von Paulus und seiner Missionstätigkeit entwirft. Aus dem vielbändigen Werk, das Renan der „Geschichte der Ursprünge des Christentums" (1863—83) widmete, hat Erich Franzen den 2. Band, Saint Paul, flüssig und sprachschön ins Deutsche übertragen. Hinzugefügt wurden noch die Abschnitte aus den Bänden über die Apostel und den Antichrist, die die Anfänge des Paulus und das Ende seiner Wirksamkeit behandelten. Peter Meinhold und Heinrich Lammers haben die zahlreichen Anmerkungen des Originals einer Durchsicht unterzogen und da, wo es nötig schien, die heutige Auffassung der neutestamentlichen Wissenschaft mit der Ansicht Renans konfrontiert. Die ganze starke, von einem lodernden Willen geformte, die Herzen ergreifende und festhaltende Persönlichkeit des Paulus, das produktive System seiner religiösen Vorstellungswelt und seiner Sozialethik, seine religionspolitische Taktik und seine mit einfachen Mitteln und rastlosem Eifer durchgeführte und durchgekämpfte Organisationsarbeit — der Mann und sein Werk, sie treten mit plastischer Deutlichkeit vor uns hin. Aus einer mit großer Künstlerschaft herausgearbeiteten Kontrastfülle ergibt sich ein Bild der großen und der kleinen Welt, die Folie und Schauplatz der Wirksamkeit des Apostels waren. Ungemein anziehend ist auch die Schilderung der antiken Landschaft, in der und zu der hin die Missionsreisen sich vollzogen. Die Bedeutung der mit diesen Missionsreisen verbundenen Wirksamkeit des Paulus liegt darin, daß er die junge christliche Kirche über das Judenchristentum hinausführte und durch seine apostolische Predigt unter den Heiden bei bewußter Durchbrechung der Verpflichtung zum jüdischen Gesetz dem Christentum die theoretische und organisatorische Grundlage für den Aufstieg zur selbständigen universalen Weltreligion schuf. Für Renan ist Paulus — wie er gelegentlich sagt —- der erste Protestant. Die allgemeinen Bemerkungen, die Renan nicht selten einfließen läßt, erhärten die Sympathie, die der ehemalige Anwärter auf den Beruf des katholischen Priesters für die Ideen des zeitgenössischen religiösen und sozialen Fortschritts empfand. Diese Geisteshaltung kommt auch in der Einschätzung der „jüdischen Orthodoxie", in den Urteilen über die jüdische Gesetzesreligion des paulinischen Zeitalters zum Ausdruck. Das Grenzproblem Judentum-Christentum tritt bei der Lektüre des Renanschen Buches immerfort vor das Bewußtsein, und nur schwer kann man sich der Gesichte erwehren, die eine Welt heraufführen, wie sie geworden wäre, wenn im Zeitalter Jesu und des Paulus das Judentum seine Chance hätte ausnutzen können. Jacob Jacobson« 54