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Der jüdische Wille · 1937-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1937) · page 53

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
5 (1937)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1937)
Date
1937-01-01
Page
– (sequence 53)
Language
German
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immer, wenn Tatsachen nicht zu erfahren sind, hat die Volksüberlieferung, die Legende und die Sage zu antworten gesucht. In diesem Geschichtswerk nun wird die Frage nach dem Verbleib der zehn Stämme ernsthaft neu gestellt. Wie häufig bei der Wiederaufnahme geschichtlicher Fragen, die ein Volk aus seiner Sehnsucht heraus immer wieder bewegen, muß der Wissenschaftler Illusionen zerstören, um den Blick für eine reale Betrachtung frei zu machen. Wir sind fast alle der allgemeinen Vorstellung erlegen, daß sowohl im Jahre 722 als im Jahre 586 „das ganze Volk" in die assyrische oder babylonische Gefangenschaft geführt worden sei. Wir machen uns nur selten die Mühe, einmal die Bibel aufzuschlagen und nachzusehen, was sie denn selber über diese Wegführung sagt. Auerbach hat alle erreichbaren Zahlen aus der biblischen und außerbiblischen Literatur der damaligen Zeit zusammengestellt und stellte fest, daß auch bei der vorsichtigsten Abwägung der Angaben der Quellen immer nur eine bestimmte Schicht der Bevölkerung, nämlich die obere Schicht und die Handwerker (Kriegshandwerker) weggeführt werden, daß aber das Gros des Volkes auf seiner Scholle sitzen bleibt. Die Verpflanzung anderer, von den Assyrern unterworfener Völkerschaften nach Palästina und die Verwaltung durch assyrische Beamte haben keinen so tiefgreifenden Einfluß gehabt, wie man allgemein annähme. Er ist der Meinung, daß der Volkscharakter nur unwesentlich verändert worden sei. Außerdem rechnet er sehr stark mit der Möglichkeit, daß mit dem Erlahmen der assyrischen Macht im vorderen Orient die bewußt in der israelitischen Kultur wurzelnden Teile des Volkes des nördlichen Palästina Anschluß an das Südreich gesucht und gefunden hätten. So habe offenbar zur Zeit des Josia das Emek Jesreel zum Reich Juda gehört. Es ist eine merkwürdige und einzigartige Erscheinung der jüdischen Geschichte, daß nicht die Mehrheit der im Lande Gebliebenen, sondern die weggeführte Oberschicht für die Gestaltung der Zukunft entscheidend wird. Die Schwierigkeiten des Wiederaufbaus des Landes und des Volkes ergeben sich aus dem natürlichen Leben der im Lande gebliebenen Volksmehrheit. Es ist für einen modernen Gelehrten selbstverständlich, daß er die Geschichte eines Volkes nicht isoliert darstellt, sondern seine Geschichte hineinstellt in den Gang der Völkergeschichte der Zeit. Auerbach tut dies mit ebensoviel Sachkunde wie Geschick. Von diesem Standort aus versucht er auch das schwierige Problem der biblischen Chronologie einer Lösung näher zu bringen. Auch hier steht wieder das Bemühen, so weit wie eben möglich die biblischen Angaben zu halten und zu rechtfertigen. Bei einer solchen Ernstnahme des biblischen Wortes liegt ein Vergleich mit dem Unternehmen Buber-Rosenzweigs, die Bibel erneut ins Deutsche zu übertragen, nahe. Zu diesem Werk gehört Bubers groß angelegte exegetische Arbeit über das Königtum Gottes. Trotz der Ähnlichkeit der Methode ist die Sicht eine vollkommen andere. Buber schreibt als Exeget, gibt theologische Deutungen, während Auerbach als Historiker nach den Tatsachen fragt, die den Berichten zugrunde liegen. Es gilt dabei eine Bemerkung Auerbachs über Buber festzuhalten (Seite 231, Anm. 1), in der er ausdrücklich die Auslegung Martin Bubers im „Königtum Gottes" ablehnt, weil er meint, daß Buber Begriffe einer späteren Zeit in eine viel frühere projiziere. An diesen drei Beispielen sollte die Art und Weise der Fragestellung gezeigt werden. Die Beispiele ließen sich beliebig vermehren. Jedes würde wieder in seiner Art die überaus gegenständliche Weise der Methode und der Darstellungsart Auerbachs darlun. Das Werk, das in manchen Teilen den ersten Band noch über- 53

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