Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 5 (1937)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- – (sequence 47)
- Language
- German
- Belongs to
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- Homer 1× ep/1025156
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Unser Bundesbruder S ü ß ma n n M u nt n e r, meisterlicher Beherrscher des Hebräischen, hat soeben die Urform aller Lieder von den Königskindern, die sich lieb hatten, aber nicht beisammen kommen konnten, nämlich das Liebesepos „Hero und Leander", in hebräischen Hexametern herausgegeben (Jerusalem, Rubin Maaß, 1936); verfaßt hat er die Übertragung bereits 1922! Hebräische Hexameter1) sind mehr als Lust an fremdem Kleid, mehr als Übersetzerlaune, sind nicht nur eine künstlerische Delikatesse, sondern der wiederholte und hoffentlich noch oft erneuerte Versuch, das Hebräisch auch in der Metrik vor Isolierung zu bewahren und, insbesondere im Zusammenhang mit dem Formpathos der griechischen Sprache, in der hebräischen Dichtung die so fruchtbare „Assimilation des Dativ" zu vollziehen2). Hebräische Hexameter sind meines Wissens selten. Naftali Herz (Hartwig) \V e s s e l y , der bekannte Maskil aus dem Mendelssohnkreise, war in seiner Mosaide „S chir e Uferet" (1787) sozusagen nahe an Hexametern, die bei dem Vorbild des Klopstockschen „Messias" ja gegeben waren. Genau hundert Jahre später veröffentlicht A. Kaminka im Jahrbuch Kenesset J israel (S. 127 ff.) eine hebr. Übersetzung des 21. Gesanges der Ilias mit umfassender Einleitung. Ovids Metamorphosen hat Jehoschua Friedmann übersetzt (Hatekufa 1923), und Saul Tschernichowsk i Philhellenos ist geradezu der klassische Gestalter des hebräischen Hexameters geworden, in dem er Odyssee, llias und Goethes Reineke Fuchs übersetzt und seine eigenen Idyllen gedichtet hat. 1) Torczyner: me s c hud d a s c h oder mikzaw-schesch; vielleicht aber auch nur: kezew-schesch oder einfach: Hexameter. 2) Auch die deutsche Dichtung nahm neben den nationalen Versformen seit dem Mittelalter zahlreiche fremde Versmaße auf: romanische, antike, orientalische usw. (Übrigens nimmt man heute an, daß Homer den Hexameter aus der kretisch-mykenischen Kultur, also aus dem östlichen Mittelmeerbecken, übernommen hat.) Die griechische Dichtung „Hero und Leander" stammt von einem weiter nicht bekannten Musaeus Grammaticus, der nach neuerer Auffassung um 500 n. gelebt haben muß, während man ihn früher, in einer Personenverwechselung, in die Zeit Homers und sogar in noch frühere Perioden versetzt hatte. Über diesen Musaeus und über den Hero- und Leander-Stoff in der Weltliteratur und Kunst (u. a. Vergil; Ovids Herolden; die germanischen Volkslieder vom heimlichen Liebesbund der Königskinder; die Ballade von Schiller3), Grillparzers „Des Meeres und der Liebe Wellen") sind Bibliotheken geschrieben worden; allein die deutschen Übersetzungen zählen nach Dutzenden. Uns interessiert in diesem Zusammenhang naturgemäß weniger die Geschichte und ästhetische Analyse dieser erotischen Elegie selbst, der „letzten Rose aus dem welkenden Dichtergarten Griechenlands", als vielmehr Muntners wundervolles Kunstwerk. Seine Nachdichtung fesselt im Formalen durch die, wie Muntner betont, erstmalige Beachtung der sefardischen Aussprache und Betonung des Hebräischen*), im 3) Schillers „Hero und Leander" ist verschiedentlich (von D. Rappaport, Meir Letteris, M. S. Rabener) ins Hebräische übersetzt worden. *) Die antiken Verse folgen dem quaniitierenden Prinzip, das, abweichend von der gewöhnlichen Betonung, die Wörter nach langen und kurzen Silben ordnet; in der modernen Metrik herrscht das akzentuierende Prinzip, wonach die Wörter normal wie in Prosa betont werden. Dieses Prinzip gilt auch hier. Nun kann man hebräische Wörter falsch und richtig betonen. Die aschkenasische Aussprache betont im allgemeinen falsch: b 6 r u c h ätto usw.; die bisherigen Hexameter sind also in dieser Beziehung inkorrekt. Muntner beachtet die Betonungsregeln; liest man seine Verse als Prosa, so ergeben sie 47