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Der jüdische Wille · 1937-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1937) · page 40

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
5 (1937)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1937)
Date
1937-01-01
Page
– (sequence 40)
Language
German
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daß die Veränderung keineswegs so gradlinig verläuft, daß vielmehr der Mittelmeerraum und die mit ihm durch eine Vielheit von Fäden verbundenen Länder des vorderen Orients heute neue Brennpunkte im Weltgeschehen bilden, und daß nicht erst die englisch-italienische Rivalität, durch die in jüngster Zeit infolge des abessinischen Streits die Welt so besonders deutlich auf das Mittelmeerproblem hingewiesen wurde, den genannten Gebieten eine erhöhte Bedeutung für die Weltpolitik zugewiesen hat. Freilich müssen wir uns hüten, uns bei solcher Betrachtung von dem speziellen Interesse beeinflussen zu lassen, das wir durch unsere innere Bindung an Palästina und seine geographischen Nachbarn an der europäisch-asiatischen Länderbrücke haben» Das Interesse an diesen Schnittpunkten neuzeitlicher Geschichte kommt vielmehr ganz allgemein in der reichhaltigen und zum Teil besonders instruktiven Literatur zum Ausdruck, die in fast allen europäischen Sprachen über Entwicklung, Kultur, Politik und Wirtschaft Vorderasiens ständig erscheint, Angesichts der gleichartigen Tendenzen in fast allen Staaten Vorderasiens drängt sich die Frage auf, ob die zu beobachtende Europäisierung der orientalischen Länder eine innerliche, Geist und Menschen umformende Strukturwandlung ist, oder ob lediglich die Zivilisation und Technik Europas dazu dienen sollen, dem orientalischen Geist in seinem Wiedererwachen und Besinnen auf seine alte Größe diejenigen Hilfsmittel zu liefern, deren er bedarf, um sich in der neuen Welt durchzusetzen. Hat Europa neue innerlich und äußerlich europäisch gewordener Bundesgenossen sich erwerben können? Oder ist im neuen Ansturm Asiens der Untergang des Abendlandes nur um so schneller zu befürchten, weil die anstürmende Welt des Ostens aus den Niederlägen H a n n i b a 1 s , A b d e r r a h m a n s oder Solimans, die ja nicht Niederlagen einer unterlegenen Kultur, sondern einer dem Westen gegenüber unterlegenen Technik waren, gelernt hat, daß dieser Westen nur mit seinen eignen Waffen geschlagen werden kann? Wahrscheinlich sind wir zu sehr Zeitgenossen, um die Antwort geben zu können, und noch hat sich aus der brodelnden Entwicklung, die die einzelnen Länder genommen haben, nicht die einheitliche Linie herauskristallisiert, die die Beantwortung dieses fast akutesten Weltproblems ermöglicht, Die nach Westen tendierende Türkei scheint wesentlich zu einem europäischen Staat geworden zu sein, sein östlicher, dem Äußeren nach auch sich europäisierender Nachbar Persien, dagegen ein Staat, dessen geistige Haltung heute stärker denn je an der eigenen großen Vergangenheit, die die Vergangenheit eines orientalischen Großstaats gewesen ist, sich ausrichtet. In zwei Büchern kommt diese Entwicklung zu besonders sinnfälligem Ausdruck. Ein genauer Kenner der neuen Türkei schildert das Land Kamäl Atatürks wie es aus der Ideologie und Schaffensenergie des Führers der jungtürkischen Bewegung neu geformt wurde (August Ritter von Kral: „Das Land Kamäl Atatürks"; Wilhelm Braumüller Verlag, Wien-Leipzig, 1935, 181 S.), während auf der anderen Seite der bekannte Orientschriftsteller Essad-Bey in Form einer Biographie des gegenwärtigen Herrschers Irans die Bemühungen zeigt, die eine neuzeitliche Entwicklung in Persien eingeleitet haben (Essad Bey: „Reza Schah von Persien"; Dr. Rolf Passer Verlag, Wien-Leipzig, 1936, 250 S.). So viel Ähnlichkeiten der Weg beider Länder zeigt, so groß sind auch die Verschiedenheiten. Anlaß und Basis für das Wirken beider Staatsmänner waren die innerlich und äußerlich ausgehöhlten Dynastien ihrer Länder, die zudem in Persien eine fremdvölkische, nämlich türkische war. Grund zur nationalen Unzufriedenheit bildete in beiden Staaten der übergroße fremdländische Einfluß, der jede Selbstbestimmung in politischer und, was nicht geringer in Erscheinung trat, wirtschaftlicher Hinsicht unmöglich machte. War es in der Türkei das gemeinschaftliche englisch-französische-italienische Interesse, das 40

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