Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Wille · 1937-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1937) · page 38

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Wille
Volume
5 (1937)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1937)
Date
1937-01-01
Page
– (sequence 38)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2827066-3186718-3186719--1438-3187509
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Selbstverständlich ist weder die Überschuldung der Fellachen, noch die Eigenart der „Muscha", noch der Großgrundbesitz ein unüberwindliches Hindernis für eine planmäßige Agrarreform in Palästina. Es ist hier nicht der Ort, die Wege im einzelnen aufzuzeigen, die zur Durchführung einer derartigen Bodenreform beschritten werden könnten und sollten. Ich muß mich darauf beschränken, den großen Umriß zu geben. Abzustellen wäre auf eine planmäßige Entschuldung der Fellachen mit Staatshilfe, auf die Umwandlung der bloßen Dorfgemeinschaft in eine landwirtschaftliche Produktiv- und Absatzgenossenschaft unter gesetzlichem Verbot der „Muscha", schließlich auf die Schaffung einer Bodenreserve durch Enteignung des nicht vom Grundeigentümer selbst bewirtschafteten Besitzteiles nach dem Vorbild der tschechoslowakischen Bodengesetzgebung von 1920/1922. Die Entschuldung des einzelnen Fellachen kann dabei mit Aussicht auf Bestand nur durchgeführt werden, wenn ihm durch Einordnung in ein höheres, nämlich genossenschaftliches Produktions- und Absatzsystem auch die Gelegenheit zur Steigerung seiner Erzeugung nach Menge und Wert gegeben wird. Zugleich bietet die Enteignung die Möglichkeit zur Umsiedlung solcher arabischen Dörfer, die an sich schon bereit wären, ihren Boden an Juden zu verkaufen, sich dazu aber nicht entschließen können, weil sie nicht wissen, wohin sie sich dann wenden sollen. Es leuchtet ein, daß mit einer solchen Hebung der landwirtschaftlichen Qualifikation der fellachischen Bevölkerung einerseits eine verschärfte Konkurrenz gegenüber den jüdischen landwirtschaftlichen Siedlungen eintreten wird, daß aber andererseits auch der Lebensstandard der Fellachen sich heben und so der Markt für die städtischen Erzeugnisse sich erweitern wird. Beides kann dazu führen, daß der Kontakt zwischen den beiden Bevölkerungsteilen enger wird, zumal dann, wenn zugleich mit der Agrarreform auch noch gewisse andere Reformen durchgeführt werden, auf die ich weiter unten noch ganz kurz zu sprechen kommen werde. Selbstverständlich wiirde die Hauptlast derartiger landwirtschaftlicher Reformmaßnahmen im Endergebnis von den Juden getragen werden. Denn eine so umfassende Agrarreform kostet viel Geld. Und etwa 80% aller Mittel, welche die Regierung für öffentliche Aufgaben im Lande verwendet, stammen aus den Steuern und Zöllen, die der jüdische Bevölkerungsteil zahlt. Durch die Agrarreform käme die Regierung endlich einmal dazu, einen nennenswerten Teil ihrer völlig unproduktiv und sinnlos thesaurierten Budgetüberschüsse in die wirtschaftlich und politisch wichtigste Aufgabe zu investieren, vor der sie seit 15 Jahren durchaus hilflos steht, statt die Überschüsse jetzt zur Bezahlung von Militärkosten zu verwenden, die doch nur durch ihre eigene politische Unzulänglichkeit erforderlich geworden sind. Wer richtig Geschichte gelernt hat, der weiß, daß es immer klüger war, Geld für Bauern auszugeben als für Kriegszwecke. Die 4 Millionen Pfund, die aus dem Staatsschatz bestenfalls für die Agrarreform zur Verfügung gestellt werden könnten, würden allerdings nur einen Teil, ich schätze ein Drittel, der zur sachgemäßen Durchführung jener Reform notwendigen Mittel ausmachen; der Rest könnte nur im Anleinewege aufgebracht werden. Aber niemand, der den Erfolg der bisherigen palästinensischen Emissionen kennt, wird das Mißlingen einer Agraranleihe- Emission für wahrscheinlich halten. Es gehört nur Eines dazu: den Mut zu haben, diese . Agrarreform, deren Kosten letzten Endes ja doch wir Juden tragen, als unseren Beitrag zur Lösung des Araberproblems von der Palästina-Regierung zu verlangen. Freilich werden wir uns nicht auf diesen Beitrag beschränken können. Es wird auch gewisser Konzessionen auf dem Gebiete der Landesverfassung bedürfen. Sie liegen in der Richtung der Entwicklung Palästinas aus einem 38

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.