Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 5 (1937)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- – (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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Von freien Berufen können noch Privatlehrer, soweit sie guten hebräischen Unterricht erteilen und voll beschäftigt sind, ihren Lebensunterhalt verdienen. Lehrer anderer Fächer und Angehörige rein wissenschaftlicher Berufe können nur in festen Anstellungen existieren. 15% der KJVer sind gelernte und ungelernte Arbeiter; man darf also sagen, daß hierzu die Mehrzahl der Bundesbrüder unter 30 Jahren gehört. Soweit sie ein Fach gründlich erlernt und darin Beschäftigung gefunden haben, sind ihre Einkommensverhältnisse nicht ungünstig. Bei einem Tagelohn von 44 bis 75 Piastern beträgt ihr Monatseinkommen 10.— bis 18.— LP, ist also höher als das Durchschnittseinkommen der Ärzte und anderer freier Berufe. Andererseits können sie ihren Arbeitsplatz von einem Tage zum anderen verlieren, sie müssen daher bereit sein, wenn Arbeit in ihrem Fache nicht vorhanden ist, jede andere Art von Arbeit, auch die schwerste bei schlechterer Bezahlung zu übernehmen. Der ungelernte Arbeiter verdient in der Stadt zwischen 30 und 40 Piastern täglich, auf dem Lande weniger, sein Monatseinkommen beträgt zwischen 5.— und 10.— LP. Der Existenzbedarf eines Menschen bei einfacher bürgerlicher Lebensführung in der Stadt beträgt 8.— LP, eines Ehepaares 12.— Lf, jede weitere Person im Haushalt kostet etwa 5.— LP, die Kosten eines Haushaltes bei zwei schulpflichtigen Kindern betragen ca. 25.— LP. Bedenkt man, daß der größte Teil der Bundesbrüder verheiratet ist und Kinder, vielfach auch noch Eltern und andere unbemittelte Angehörige zu ernähren hat, so' kann man den Verbrauch im Durchschnitt auf 20.— bis 30.— LP beziffern. Dieser Verbrauch wird von 75% der Bundesbrüder nicht verdient. Sie verzehren schneller öder langsamer ihr Kapital oder machen Schulden. Trotz der geringen Einkommensunterschiede zwischen den Angehörigen bürgerlicher Berufe und Arbeitern hat sich doch eine soziale Differenzierung zwischen denjenigen, die eine bürgerliche Lebenshaltung beibehalten haben, und denjenigen herausgebildet, die mit der Berufsumschichtung Ernst gemacht haben und unter völlig veränderten proletarischen Lebensbedingungen leben. So kommt es, daß der Bundesbruder, der als Arbeiter auf dem Bau oder als Mitglied einer landwirtschaftlichen Kwuzah schwere körperliche Arbeit leistet, immer mehr die Distanz zu dem Typ städtischer Bürger empfindet/ und ihm mehr und mehr mit einem proletarischen Klassenbewußtsein gegenübersteht. Die Gesinnungsgemeinschaft des KJV, die aus der einheitlichen menschlichen und politischen Erziehung einer früheren Lebensperiode erwachsen ist, wird durch die neue Gemeinschaft der Berufs- und Klassengenossen verdrängt. So gehen viele wertvolle Kräfte dem KJV verloren. Andererseits läßt sich feststellen, daß gerade die beruflichen Interessen wieder auf eine Stärkung und Festigung des Zusammenhanges der Bundesbrüder hindrängen. Die Einwanderer aus Deutschland stellen heute eine beachtliche Gruppe innerhalb des jüdischen Wirtschaftssektors Palästinas dar. Jeder Einwanderer aus Deutschland ist auf die wirtschaftliche Gruppe der deutschen Juden angewiesen und kann seine Existenz im wesentlichen nur im Rahmen dieser Gruppe finden und behaupten. Dieses landsmannschaftliche Prinzip besteht nun einmal und wird mindestens für die Lebensdauer einer Generation bestehen. Man mag dies vom Standpunkt der erstrebenswerten Einheit des Jischuw bedauern, doch kann man die Tatsache nicht aus der Welt schaffen, daß es den deutschen Juden nur in den seltensten Fällen gelingt, in Wirtschaftsbetriebe, Organisationen und Institutionen, in denen russische, polnische oder palästinensische Juden maßgebend sind, hineinzukommen oder in geschäftliche Verbindung mit ihnen zu treten. Diese wirtschaftliche Verbundenheit des deutschen Einwanderers mit der Gesamtheit des deutschen Jischuws hat zur Folge, daß jeder aus Gründen der Existenz- 33