Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 5 (1937)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Schichtserlebnis" haben. Ihnen habe ich die gar zu beträchtliche, wenn auch sehr viel geringere Zahl derjenigen gegenübergestellt, die ebenfalls kein Geschichtserlebnis haben, aber irgendwelche journalistisch — oft mit Talent — aufgemutzte Sachen mit Tageserfolg dafür ausgeben. Nur von diesen, leider nicht seltenen, Erscheinungen habe ich gesprochen, und ich verstehe nicht, weshalb sich das Präsidium, nicht gerade zum advocatus diaboli, aber doch zum Advokaten einer Anzahl kleiner Unterteufelchen macht, die durch kleine Geweberitzen einzudringen verstehen, und deren verheerende Wirkungen bei uns immerhin schon wirksam geworden sind. Gewiß ist die geistige Beschaffenheit der Diasporajuden gegen derartige Dinge relativ geschützt. Der Jude ist nicht selten in politischen Dingen skeptisch, und insbesondere in jüdisch-politischen Dingen bis zu völliger Schwunglosigkeit ablehnend. Dazu ist er schicksalsmäßig so sehr in Galuthinteressen aller Art verflochten, daß es schon buchstäblich „schlag"- kräftiger Argumente bedarf, um ihn beweglicher zu machen. Und schließlich ist der Jude, gleichviel wie man dies werten will, sehr kritisch. Kein Zweifel, daß sich aus diesen — allgemein bekannten Tatsachen — genau die Folgerungen ergeben, die ich in meinem kleinen Aufsatz vorgebracht habe. Nun vermißt aber das Präsidium „eine Erklärung, worin denn eigentlich positiv das Judentum des „poschutten" Juden noch besteht". Diese Frage als solche wäre grauenvoll, wenn sie wohlüberlegt und nicht bloß polemisch hingeworfen wäre. Kann man wirklich fragen, wozu das „Volk" gebraucht wird? Zählen die zur Verwaltung der politischen Güter -des Volkes Berufenen oder sich Berufenden nicht selbst dazu? Sind sie selbst so völlig unterschieden von den „poschutten" Juden? Ist ihre politische Lage, ihre geistige Haltung, sind ihre gegenwärtigen Lebensumstände und ihre künftigen Aussichten besonderer Art? Und wenn es so wäre: müßten sie sich dann nicht zwangsläufig jeder über den Tageserfolg hinausgehenden nachhaltigen Wirkung auf das „Volk" durchaus begeben? Es hat im Leben der deutschen Juden vor ca. 100 Jahren eine ganz ähnliche geistige Erscheinung gegeben; das war die „Reform". Wer die Schriften jener Zeit liest, wird zugleich den unverkennbar guten Willen, die noch beträchtlicheren Talente und ebenso die faulig schillernde Wesensunsicherheit erkennen, — dieselbe, die sich bei gar zu vielen der Unsrigen wortreich bekundet. Auf diese hinzuweisen, ist so „positiv", wie es ein Wort der Kritik nur sein kann, und sicher viel positiver, als manche Äußerung aus.unserem Lager, die dadurch nicht positiv wird, daß sie kritiklos und vor allem im Übermaß selbstkritiklos ist. Zur Gesdiicfite der alten Judengemeinde Zü\z O/S. Von Bbr. Bernhard Brilling, Breslau. L Erst in letzter Zeit ist der Geschichte der ehemaligen Judengemeinde Zülz größere Beachtung geschenkt worden. Die auf dem Gesamtarchiv der Juden in Deutschland deponierten, bis ins 17. Jahrhundert zurückreichenden Akten wurden vom Verfasser dieser Zeilen inventarisiert und sämtliche Grabsteine auf dem alten Zülzer Friedhof mit Unterstützung des Gesamtarchivs 19