Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Wille · 1937-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1937) · page 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Wille
Volume
5 (1937)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1937)
Date
1937-01-01
Page
– (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2827066-3186718-3186719--1416-3187487
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Von viel tieferer Bedeutung ist aber der Umstand, daß dort, wo diese einheitliche Grundlage sich in irgendeiner Weise dennoch, trotz aller Widerstände und Gegensätze, geltend machte, der Hebräer ganz anders dachte als der Grieche. Dies zeigt sich vor allen Dingen im Aufbau der Sprache. Alle arischen Sprachen, wenigstens so weit der Mittelmeerkreis im weitesten Sinne des Wortes in Frage kommt, sind derartig aufgebaut, daß grundsätzlich die verschiedenen Gedanken, die einen Satz bilden, einander subordiniert werden, während sie bei allen Semiten koordiniert werden. Dazu kommt noch die Bedeutung des waw hahippuch, so daß durch die Vorsetzung dieses Buchstaben aus dem Perfekt das Futurum und umgekehrt werden kann. Man muß sich mit diesem Sprachgeist sehr vertraut machen, um daraus die notwendigen Folgen zu ziehen. Die Sprache ist der bedeutsamste Ausdruck der Kultur. Ideen ohne Sprache sind überhaupt nicht vorhanden. Bei einer Sprache, die die einzelnen Elemente des Satzes koordiniert und durch Einfügung eines einfachen Buchstaben die Zeiten verändert — mir ist wohl bewußt, daß auch durch Ztifügung des waw häufig eine Änderung der Konjugation überhaupt eintritt, das spielt hier keine Rolle — muß sich eine ganz andere Denkweise ergeben, als bei Völkern, deren Sprache subordiniert. Uns, die wir seit fast zwei Jahrtausenden bereits in einer Umgebung leben, deren Sprachen wir fast ausschließlich sprechen, fällt es heute schon unendlich schwer, wenn es uns überhaupt noch möglich ist, uns in die Denkweise der Alten zu versetzen. Diese türmten die Gedanken nebeneinander auf, sie überließen deren Zusammenhang und sogar die Ideenverbindung dem Einzelnen, häufig sogar seiner Einbildungskraft. Es gibt keine Haupt- und Nebengedanken. Es gibt keine absolute Zeitenfolge, alles ändert sich, alles ist Hauptgedanke oder besser gesagt, von gleicher Bedeutung, nichts ist dabei unwesentlich. Daß bei einer solchen Sprache, dem tiefsten Ausdruck der Denkweise, auch das Denken ein anderes sein muß als bei den Völkern, die grundsätzlich die Sprache so aufbauen wie wir es bei den Sprachen des Mittelmeergebietes kennen, liegt auf der Hand. Ob Tatsachen berichtet werden, ob Erklärungen gegeben werden, ob Geschichten, ob Märchen erzählt werden — alles ist gleichwertig, alles wendet sich nicht nur an den Verstand, alles, aber wirklich alles zugleich an die Einbildungskraft; das ist der tiefste Unterschied semitischer Denkweise von der der Griechen. Alle Kräfte des Geistes und des Gemütes sind gleichwertig und stehen einander gleich, es gibt keine Unterschiede zwischen Bericht, Erzählung, Gesetz, Verbot, Schilderung und Märchen. Vom Wort als solchem geht eine eigene Magie aus. Als wichtigstes Beispiel sei auf die Antwort hingewiesen, die Moses am Dornenbusch erhielt und die wohl am besten mit den Worten übersetzt wird: Ich mag sein, wer auch immer ich sein mag. Moses sollte lediglich den Namen, also das Wort mit, seinem magischen Inhalt dem Volk übermitteln. Ist aber das Wort mit einem solchen Inhalt behaftet, so ist die notwendige Folge die, daß Generationen und Generationen das überkommene Wort auszudeuten und auszulegen versuchen, so daß häufig Künsteleien entstehen müssen. Grundsätzlich anders der Grieche; das Wort ist für ihn dazu da, dem, was er anschaut, was er sieht, fühlt und empfindet, Ausdruck zu geben. Das Wort besitzt für ihn keine Magie, keine Geheimnisse, es ist für ihn der Ausdruck seiner Anschauung, seiner Vernunft. In diesem Sinne ist der Grieche Rationalist und, da er Rationalist ist, ist er Begründer der Wissenschaft, insbesondere der Philosophie. Trotzdem soll keineswegs damit gesagt sein, daß sich bei den semitischen Völkern nicht auch Wissenschaft entwickelt hätte; wir brauchen bloß auf die Babylonier hinzuweisen, die auf dem Gebiete der Astronomie und weiterhin der praktischen Mathematik, zum Beispiel bei der 16

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.