Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 5 (1937)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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besondere im Rechtsleben und in der Staatsauffassung. Der frei umherschweifende Nomade entzieht sich gern dem Zwange, den der Staat unbedingt ausüben muß, um seine Existenz zu erhalten. Er fügt sich schwer neuen Gesetzen, sondern für ihn ist -die von den Vätern ererbte Überlieferung die Richtschnur seines Handelns. Andererseits aber ist der Nomade, der seßhaft wird, zu leicht geneigt, insbesondere dann, wenn er auf eine höher stehende Zivilisation, — ich gebrauche absichtlich diesen Ausdruck und nicht den der Seele und Geist umfassenden Kultur — trifft, sich deren starken Einflüssen mehr oder minder zu unterwerfen, weil er ohne deren Technik nicht in der Lage ist, die ihm feindlichen Mächte zu bekämpfen. Stets bedarf es daher neuer aus der Kulturseele aufsteigender Bewegungen, um die alten Ideen wiederum in irgendeiner Weise zu beleben. Das Wesen der Zivilisation läßt eich nicht mit wenigen Worten umfassen, feststellen können wir lediglich, daß aus den sich notwendig entwickelnden Kräften sich sehr oft Lagen ergeben, in denen die alten Kulturgüter Schaden erleiden. Das ist das tiefe Wesen jeder jüdischen Assimilation, die notwendige Folge des Zusammenlebens Israels mit den Völkern. Zwar finden wir auch bei den Griechen Verhältnisse, die in politischer Hinsicht eine gewisse Ähnlichkeit mit den Stammesgliederungen der alten Hebräer haben; aber doch ist der Unterschied ganz bedeutend. Die Träger der griechischen Kultur sind die Städte, sie ist eine Poliskultur, Aber trotz aller politischen Gegensätze wie zum Beispiel zwischen Athen und Sparta verbindet alle diese Städte und Kleinstaaten die Tatsache, noch nicht die Idee, daß sie sich als Einheit fühlen und diese Einheit durch die Tat bekunden; des sind die Olympischen Spiele bis zur Zeit ihres Verfalls der beste Beweis. Die Idee der Einheit in politischer Hinsicht war den Griechen nicht aufgegangen, selbst in der schweren Zeit der Perserkriege kämpften Griechen auf seiten der Perser gegen ihre Landsleute; die persische Flotte war zum großen Teil mit kleinasiatischen Griechen bemannt. Aber dennoch einte sie alle das Bwußtsein, daß ihre seelische, geistige Haltung, mag sie auch politisch nur in den einzelnen Stadt-Staaten zum Ausdruck gekommen sein, dennoch eine einheitliche Grundlage hatte, auf gemeinsamer Dichtung, Literatur, Götter Verehrung und insbesondere auf den Olympischen Spielen beruhte* In den einzelnen Stadt-Staaten herrschte eine einheitliche Gesetzgebung, der die Bürger unterworfen waren, und der sie, wenn auch oft nur notgedrungen, Folge leisteten. Aber selbst dann, wenn die zur Zeit unterdrückte Partei ans Ruder kam, war es selbstverständlich, daß eine einheitliche Rechtsauffassung bindend und maßgebend war. Wer sich der entzog, ward geächtet. So war der Grieche häufig unbewußt Künder einer allgemeinen Kultur, die sich in den einzelnen Stadt-Staaten zwar verschieden auswirkte, aber dennoch den Begriff des allgemeinen Hellenismus im Laufe der Jahrhunderte geschaffen hat. So sehen wir zwar eine starke Ähnlichkeit des jüdischen und des griechischen Volkes in politischer Hinsicht, aber dennoch ist das griechische Volk im wesentlichen stets kulturell eine Einheit geblieben, während im jüdischen Volke, von ganz kurzen Zeiträumen abgesehen, stets ein Gegensatz zwischen den Volksteilen bestand, in den ersten Jahrhunderten zwischen dem Nord- und dem Südreich, im Laufe der späteren Zeit zwischen Jerusalem und Samaria, noch später zwischen Pharisäern und denjenigen Kreisen, die mehr oder minder griechisch oder römisch eingestellt waren. Diese Unterschiede waren nicht nur politischer, sondern auch stets kultureller Natur. Solange der Staat in irgendeiner Form bestand, gab es keine kulturelle Einheit, mögen auch gewisse Grundlagen hierfür vorhanden gewesen sein, soweit von den Vätern überkommene Auffassungen und Anschauungen fortwirkten. 15