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Der jüdische Wille · 1937-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1937) · page 12

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
5 (1937)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1937)
Date
1937-01-01
Page
– (sequence 12)
Language
German
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und seine Weltanschauung sowie seine Lebensbetrachtung. Seine Haltung ist vielfach unbürgerlich, bedeutet eine starke Reaktion gegen das Überwundene Milieu und gegen Erziehung. Sein Wesen ist Einfachheit und Schlichtheit, Ablehnung der äußeren Werte. Sein Leben ist erfüllt von dem schöpferischen Ethos der Arbeit. Seine Religion ist lebensvoll, weil sie auch eine Religion der Arbeit, des Bodens und der Natur ist. Bei aller Nüchternheit der Betrachtung ist in ihm eine starke Romantik, ein religiöser Enthusiasmus, der sich im Gemeinschaftsleben bis zur Extatik zu steigern vermag. Der chaluzische Mensch wird in der Totalität seines Wesens erst sichtbar in dem Erlebnis der Gemeinschaft. Darum sind Lied und Volkstanz (Horrah) gemeinschaftsbildende Erlebnisse von nicht unbedeutendem Werte. Der Typ des religiösen Chaluz setzt eine bestimmte geistige und religiöse Grundhaltung voraus, Seiner Weltanschauung liegen als Elemente Pioniertum und Gesetzestreue zu Grunde, aber nicht im Sinne einer Addition dieser beiden Elemente, sondern im Sinne einer schöpferischen Synthese. Chaluziut (Pioniertum) und Datiut (Gesetzestreue) sind untrennbar miteinander verbunden. Der chaluzische Mensch hat hier bereits eine religiöse Einstellung und der religiöse Mensch wird aus religiösen Gründen Pionier. Pioniertum wird letzten Endes durch die Religiosität vergeistigt. Der religiöse Chaluz ist hineingestellt in den übergreifenden Zusammenhang der religiös-nationalen Tradition. In der Entwicklung der jüdischen Geschichte sieht er eine unablässige Äußerung göttlichen Wirkens. Er ist überzeugt von einer speziellen und allgemeinen Voraussehung Gottes. Die mündliche und schriftliche Lehre sind göttlichen Ursprungs, darum ist die Geltungsdauer und Geltungskraft der Thora nicht lokal oder zeitlich beschränkt. Ihre verpflichtende Kraft erstreckt sich auf alle Zeiten und alle Generationen. Volkstum und Glaube befinden sich in unlösbarer Einheit. Konfessionalisierung einerseits oder Säkularisierung des Judentums andererseits würden dem ursprünglichen jüdischen Volksbegriff keineswegs gerecht werden. Das Gesetz ist gegeben, um im Leben verwirklicht zu werden. Daraus ergibt sich der bedeutende erzieherische Wert des Lernens für den religiösen Chaluz. Gegenstand des Lernens sind die Quellenschriften jüdischer Literatur im Original, weil keine noch so vollendete Übersetzung der Originalität sprachlicher Formen und gedanklicher Darstellung entsprechen kann. Es kommt nicht darauf an, das alte Geistesgut auf den modernen Menschen wirken zu lassen, sondern auf die lebendige Konfrontation und schöpferische Wechselwirkung des Alten mit dem Neuen. Nicht auf Archäologie kommt es an, sondern auf die praktische Nutzanwendung. Religiöse Chaluziuth stellt die überragendste Möglichkeit der religiösen Erziehung des arbeitenden Palästinas dar. Die Erfahrung hat gezeigt, daß eine Annäherung der durch gemeinsames Kämpfen und gemeinsame Arbeit verbundenen religiösen und unreligiösen Arbeiterschaft durchaus im Bereiche des Möglichen liegt. Um so mehr, als man im Kreise der allgemeinen Arbeiterschaft um neue religiöse Lebensformen ringt, als man im Leben bereits jetzt eine gewisse Leere empfindet, die nur durch eine gleichgültige wie geartete Religiosität zu erfüllen ist. Die Arbeiterschaft hat den Versuch gemacht, an die Stelle der überlieferten Formen und Feste neue Erlebniswerte zu setzen. Und es darf keineswegs übersehen werden, daß die ersten Ansätze einer neuen, lebensvollen Religiosität bereits sichtbar werden. Als Beispiel diene die Frage der Festgestaltung. Jüdische Feste in ihrer Schönheit und Realität setzen Boden und Milieu Palästinas voraus. Jehuda Halevi spricht im ,,Kusari" einmal von der einmaligen Prädisposition Erez Israels für eine echte Gestaltung jüdischen Volkslebens. Jüdische Feste, in der Golah zu historischen Reminiszenzen verkümmert, werden in Erez Israel wieder lebensnah, weil jüdische Feste, Natur und Geschichte in seltener Weise harmonieren. 12

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