Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 5 (1937)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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schaft Erez Israels war und ist auch heute noch nicht einheitlich. Ein relativ kleiner Teil der Arbeiterschaft war bewußt antireligiös eingestellt, der überwiegende Teil religiös völlig indifferent. Die grundsätzliche pädagogische Haltung der Lehrer in den Schulen war nur eine Folge der weltanschaulichen Einstellung der geistigen Führer des neuen Jischuw. Sie waren keineswegs Assimilanten. Sie alle hatten noch in den Jeschiwoth gelernt und waren selbst noch „auf dem Schöße der Thora" erzogen worden. Ein fühlbares religiöses Gegengewicht gegen diese „öffentliche Meinung" des neuen Jischuw bildet die Tätigkeit der religiösen Fraktion in der zionistischen Weltorganisation des „Misrachi". Der „Misrachi" ging von der Erkenntnis aus, daß eine religiöse Erziehung weitester Kreise nur möglich ist durch eine aktive, direkte Teilnahme an dem großen Aufbauwerk der nationalen Renaissance. Die pädagogische Haltung des Misrachi unterscheidet sich grundsätzlich von der der nichtzionistischen Orthodoxie, deren Organisation die „Aguda" darstellt. Die „Aguda" vertritt selbst in Palästina den Austrittsstandpunkt. In den Gremien Erez Israels („Knesseth Israel", „Waad Letimi" usw.) ist sie nicht vertreten, weil sie ihres Erachtens aus religionsgesetzlichen Gründen eine Gemeinschaft mit Gesetzesübertretern nicht pflegen darf. Aber darin liegt zugleich die Unfähigkeit und Unmöglichkeit der erzieherischen Wirkung auf die Umgebung, weil Erziehung anderer im religiösen Geiste zumindest das Gemeinschaftserleben voraussetzt. Der Misrachi vertritt einen grundsätzlich anderen Standpunkt. Nicht durch negative Kritik von außen her können Menschen religiös erfaßt werden, sondern durch Arbeit von innen her. Aus diesen Erwägungen heraus wurden die Misrachisehulen gegründet, in welchen Kinder in religiösem Geiste erzogen wurden, Kindergärten errichtet und in Lehrerseminaren ein Nachwuchs von religiösen Lehrern herangebildet. Das misrachistische Schulwerk bewährte sich, aber von einer religiösen Erziehung der Arbeiterschaft konnte keine Rede sein. Die Erklärung dieses Faktums liegt an einem entscheidenden pädagogischen Fehler des religiösen Zionismus. Mit dem Abgang von der Schule wurden die Misrachischüler soziologisch und geistig von der zahlenmäßigen Übermacht der Arbeiterschaft einfach absorbiert. — Das entscheidende Verdienst, hier die Kritik angesetzt zu haben, gebührt dem deutschen „Misrachi". Hier erkannte man, daß die Arbeiterschaft Erez Israels nur dann religiös beeinflußt werden kann, wenn religiöse Chaluzim durch ihr unmittelbares Vorbild in der Arbeit und im gemeinschaftlichen Leben erzieherisch wirken könnten. Dem arbeitenden Palästina mußte gezeigt werden, daß thoratreues Leben und Landarbeit keine Gegensätze sind, daß ein religiöser Mensch auch ein guter Chaluz sein kann. Nicht „Thora" allein darf die religiöse Weltanschauung formen, sondern auch „Awodah", praktische Arbeit. Die Ideologie der religiös-zionistischen Bewegung wird daher oft formuliert in den kurzen Stichworten „Thora we Awodah", im Sinne jener richtig verstandenen talmudischen Forderungen: „Schön ist die Lehre der Thora in Verbindung mit den Bedürfnissen des Landes." Die Lehre bleibt Theorie, wenn sie das Leben nicht erfüllt, und das Leben hat keinen Sinn, ohne Vergeistigung und Erfülltheit durch die Lehre. Darum ist das Erziehungsideal der religiös-zionistischen Jugend der Typ des religiösen Chaluz. Er ist der Mensch des politischen und geistigen Aktivismus, ein Mensch, der das Schicksal seines Volkes durch seine eigene Arbeit (Awoda) gestaltet. Chaluziut bedeutet Pioniertum. Pioniertum in der Gemeinschaft ist die höchste Idee seines Lebens. Sein Idealismus ist daher frei von jeder Nützlichkeitserwägung. In ihm lebt die starke Bereitschaft zum Dienst (Awoda) und Opfer für Volk und Land, weil die Bereitschaft zum Opfer die Grundvoraussetzung für den Aufbau einer wahren Volksgemeinschaft ist. Seine Geisteshaltung ist ganz und gar bezogen auf eine Arbeit für die Gemeinschaft. Von ihr empfängt er seinen Lebensstil 11