Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 5 (1937)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2827066-3186718-3186719--1410-3187481- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
war nicht Hebräisch, weil es ihnen nicht auf die Schaffung einer neuhebräischen Volkskultur ankam, sondern nach dem Lande ihrer Herkunft, Polnisch, Russisch, Jiddisch usw. Der alte Jischuw war weit- und lebensfremd, hatte keinen Sinn für die Gegebenheiten des Tages und des jüdischen Volkslebens. Von ihm konnte keine erzieherische Wirkung auf andere ausgehen, er war nicht berufen, völkisches Leben zu gestalten. — Antipoden dieser Menschen in jedem Sinne waren die jungen Chaluzim, die mit der zweiten Alijah ins Land kamen. Lebensaufgeschlossene Menschen, von einem Ideal erfüllt, begeistert für Volk und Land und Sprache, bewußt unbürgerlich, ungläubig, revolutionär und antitraditionell. All diese Merkmale, die Charakteristika des schlechthin chaluzischen Menschentyps, werden zum großen Teil verständlich, aus einer starken Reaktion gegen Erziehung, Milieu und Gesellschaft. Die Chaluzim kamen zumeist aus Polen und Rußland. Dort existierte noch ein ursprünglich jüdisches Leben. Das Leben in allen seinen Erscheinungsformen wurde jüdisch gewertet und unter jüdischen Aspekten betrachtet. Erziehungsideal des Ostjudentums war der „Talmid-Chacham", der „Jeschiwa-Bachur". In den Jeschiwoth und Chadarim füllte sich der junge jüdische Mensch mit religiösem Wissensstoff an. In abstrakten talmudischen Diskussionen, in pilpulistischen Studien wurde der Geist geschult, vielfach aber auf Kosten der praktischen Lebensweisheit und Erfahrung. Beschäftigung mit profaner Wissenschaft und etwa moderner belletristischer Literatur war streng verpönt, sie galt als Gottesleugners! und Ketzertum. Aus dem „Jeschiwa Bachur" wurde der „Batlan", der „Nichtstuer", Diese Einseitigkeit in der Erziehung, die das Gefühlsmäßige bewußt ausschaltete, mußte bei der Berührung mit modernen Anschauungen eine unüberbrückbare innere Diskrepanz im jungen Menschen hervorrufen, und die Entscheidung fiel in den meisten Fällen für das Neue aus. Die schärfste Ablehnung der Tradition ist häufig nichts anderes als eine natürliche Reaktion des Gefühls gegen eine unnatürliche Beschränkung. Das ist die Reaktion im Geistigen und Gefühlsmäßigen. Viel entscheidender für die Bildung einer neuen Weltanschauung war die soziale Reaktion. Die Auflehnung gegen eine herrschende Gesellschaftsordnung, die Erkenntnis der Morschheit der gesellschaftlichen Grundlagen, die Reaktion gegen eine bestimmte Gesellschaftsschicht, die sich im Typ des „Baal-Habajith" verkörperte. Hier bestand ein Zwiespalt zwischen religiöser Theorie und sozialer Praxis. Religiöse Frömmigkeit und soziales Unrecht wurden in diesen Menschen vielfach eins. Das soziale und religiöse Moment, im Judentum zu organischer Einheit verbunden, erfuhr in der Praxis eine gewaltsame Trennung. Der „Baal-Habajith" hatte die Führung der Gemeinde und übte hervorragenden Einfluß auf die Gestaltung des religiösen Lebens. Kein Wunder, daß eine Jugend in ihrer absoluten Ehrlichkeit, in ihrem Drängertum und ihrer Kompromißlosigkeit einen unauslöschlichen Haß empfinden mußte gegen diese bourgoise-aristokratische Gesellschaftsordnung, wegen ihrer Heuchelei, Werkheiligkeit und sozialen Ungerechtigkeit. Nicht gegen die Tradition an sich, nicht gegen das jüdische Gesetz an sich wandten sich die jungen Menschen, sondern gegen die Träger und Funktionäre, die im Leben das Gesetz zu einem Zerrbild verunstalteten. In ihrem Drängertum wurden vielfach die Begriffe verwechselt, Judentum und Funktionäre der Religion und des Ritus gleichgestellt und Gesetz und Brauch schärfstens abgelehnt, eine neue sozialistische Gesellschaftsordnung angestrebt, die auf wahrhafter Gerechtigkeit basiert. Daraus ergeben sich die gegenseitigen Beziehungen beider Teile des Jischuw und zugleich ihre weltanschaulichen Positionen, Eine religiöse Einflußnahme des alten Jischuw auf den neuen war undenkbar, eine solche Einwirkung konnte naturgemäß nur von Menschen kommen, die als Arbeiter religiöser Einstellung inmitten der Arbeiterschaft vorbildhaft zu wirken imstande waren. Die religiöse Einstellung der Arbeiter- 10